08.08.2010 (r) Blokhus_Ulbjerg Camping: 92 km, Hm

Babygeschrei reißt mich aus dem Schlaf: aber hey, das ´s schon OK. Neue Generation, neue Träume und die wollen artikuliert sein. Morgenstund‘ hat Gold im Mund und ich fange an zu packen, leise und fern ab vom Zelt, wo Katis geschultes Gehör mich nicht wahrnehmen kann. Dies hat seine Gründe, denn sind die beiden erst einmal wach, dann geht alles ab wie in einem gut organisierten Ameisenstaat. Wo vor kurzer Zeit noch ein Zelt mit gigantischer Logistik gestanden hat, sind Minuten später nur noch die Abdrücke auszumachen und das zufriedene Grinsen beim Kaffee, während ich zusehends unter Druck gerate: ich suche meine Sachen komme ins Hadern, fühl mich transparent, durschaut,  beobachtet und verurteilt. Doch diesen Morgen kommt alles anders:  Molle bewegt sich gar nicht und Kati kocht Wasser, um das braune Lebenselixier aufzugießen, dass Molle seine virtuoses Wesen wieder einflößt. Wir schmieren Nutella auf alles, was sich bestreichen lässt, als plötzlich zwei fliegende Ameisen einen imposanten Auftakt haben. Mit einander vereint, müssen die beiden Liebenden ins Trudeln geraten sein und stürzen in propellerartiger Manier beinahe in unsere Butter ab.  Ich bin schockiert: das ist der Gipfel der Geschmacklosigkeit, die beiden sind in Mitten einer Orgie und scheren sich einen Dreck um die Gefühle der Frühstücksgemeinschaft. Einfach hemmungslos! Ich überlege mir das Problem mit einer allgemeinen Plättung zu lösen, als Molle, die beide Begierigen sanft zur Seite wischt, wo sie immer noch vereint dort weiterfahren, wo alle anderen längst aufgehört hätten: aber hey, das ´s schon OK, ich werde beim morgendlichen Sex auch nicht gerne gestört.

Kurze Zeit stehen wir beim Ausgang des Campingplatzes und mein Magen spielt mir wieder einmal mehr das Lied vom Tod: Ich denke mir noch, wie ist denn der drauf, aber wie schon so viele Male zuvor ist er unversöhnlich und Flammen brennen meine Speisröhre rauf. OK, Du Miststück, dies ist er nun der High Noon Showdown. Ich werfe mir eine Tablette rein: Hier hast Du´s und will das nicht fruchten, habe ich noch den fiesen Schluck Weinessig, der das Problem meist, dann doch noch besiegelt. Molle schaut in die Ferne. Er stellt fest, dass das Wetter nicht so schlecht ist, wie er es uns prophezeit hatte und es schien so, dass wir Rückenwind haben würden. Ein breites Grinsen setzt sich auf meinem Gesicht fest: Nicht nur haben wir Dicken die größer Wampe, wie haben auch breite Rücken und breite Rücken bedeuten mehr Auftriebsfläche: Auf einmal scheint alles möglich, die angesagten 76 km eine Unterstellung, eine tiefe Beleidigung dessen, was meine Edelkörper fähig ist zu leisten. Kati hat die Campingkarten abgegeben und wir sind um 10:15 doch tatsächlich schon auf der Straße. Nach wenigen Kilometer kommen wir an frischem Gemüse vorbei, welches der Bauer bereitgestellt hat. Die Karotten, Petersilien, Zwiebeln sehen sensationell frisch auf und werden rasch verstaut. Die Karotten spannt mir Kati spontan auf den Gepäckträger und es stellt sich bald heraus, dass wir gute Gesellschaft sind: Rebellen der Landstraße, echte Kerls. Die grünen Haare meiner Bikerkumpels wehen im Wind: wir haben den Duft der Freiheit in der Nase und wir gehen dort hin, wo uns das Schicksal leitet.

Vor uns kriecht eine haarige Raupe über die Straße und ist erstaunlich mobil. Mit diesem heftigen Verkehr auf der Straße ist der Fall jedoch klar: Der Teufelskerl hat ein One-way-Ticket für Denmark´s Suicide Rodeo gebucht: Respect, brother! Respect!

Die ersten 20 Kilometer rollen sehr gut und beinahe will sich die alte Pizzafantasie wieder aufdrängen, welche Molle und ich so sorgfältig gehegt und gepflegt haben: Etwa so wie vor ein paar Tagen, als wir noch in Norwegen kurz vor Kongsberg waren. „Scheiße..“, meine ich, als Molle und ich ein Bier schlürfend in unseren Campingsitzen auf den Fluss rausschauen.  „Was denn?“ meint Molle, halbwegs besorgt. „kennst Du die runden Dinger, die man braucht um Pizza zu schneiden?“ Molle bestätigt mit einem Nicken. „Ja, das Ding ist mir doch voll im Käse abgesoffen, weißt Du Quattro Formaggi!“ Molle nickt anerkennend und beide müssen wir lachen. Seither hat unser Pizzafantasie sämtliche Stadien menschlicher Versuchung durchlaufen und wir müssen uns wundern, ob der arme Pizzabäcker in Flensburg unseren übersteigerten Ansprüchen überhaupt gerecht werden kann. Wir werden es sehen!

Wir fahren nun über offene Felder, schöne Waldlichtungen. Der Straßenrand ist gesäumt von Sauerampfer, dem ich als Kind immer mal wieder eine Chance gegeben hatte: heute weiß ich, er ist sauer, wie es sein Name sagt und ansonsten gänzlich unspektakulär.  Auf der linken Seite taucht ein Roggenfeld auf. Kati meint: „Ah, Gerste!“  Wir sind beide überrascht und gleichermaßen beschämt, denn beide können nicht ausschließen, dass der andere recht hat: Hier kann nur noch unser CIP helfen. Unser Central Intelligence Provider, der Molle, der einfach alles herausfindet, ob es nun der Niedergang, der Swissair ist, Basen und Säurenhaushalt oder was im menschlichen Körper zu Muskelkrämpfen führt: für den Molle ist nicht mehr als ein Fingertipp entfernt uns seine Ausführungen sind spannend und lehrreich gleichermaßen.

Nach etwas mehr als 25 Kilometer melden sich meine Muskelkrämpfe schon bereits wieder bei mir. Wie immer in diesen Momenten melden sich Nickelback bei mir und die Strophe „And those five words in my head scream are you having fun yet?“ Von Spaß keine Spur, ich denke mir immer wieder wie unfair es doch ist, dass Kilometerleistungen nicht mir BMI gewichtet werden, so gewissermaßen als Energieleistung: Dieser Gedanke zaubert ein Lächeln auf mein Gesicht. Da müsste der Molle wohl jeden Tag 30 Kilometer weiter fahren als ich. Kati hat nun wieder aufgeschlossen. Immer wieder hält sie an um Schönheit, Kuriositäten, Harmonie und Spektakuläres mit der Kamera einzufangen. Viele ihrer Bilder sind einfach nur eindrucksvoll und ich bin glücklich, dass unsere Reise durch so viel Talent dokumentiert wird. An einer Kreuzung wartet Molle auf Kati und mich. Wie so oft in unseren Ferien gleiten seine Finger geschickt über sein iPhone und entlocken ihm alle für unsere Reise relevanten Daten: Erfolg ist kein Zufall, er ist planbar! Der Erfolg unserer Reise liegt in den Händen von Molle, der den optimalen Mix aus ansprechender Landschaft, wenig Verkehr und einer sinnvollen Kilometerleistung für uns will. Als wir ankommen steht er vor einem Strauch wilder Hagebutten und die roten Knoten sind so groß wie reife Tomaten.

Auf der Straße überholt uns ein Motorrad mit hoher Geschwindigkeit und sehr viel Krach: für einen Moment fühlt es sich so an, als würden wir rückwärtsfahren und ich weiß nicht, ob ich den Kerl auf der Maschine nun beneiden oder bemitleiden soll. Ich entschließe mich für letzteres: „Mit so einem Motorrad wirst Du Deine Wampe nie los, Idiot!“ Für einen Moment habe ich mein Leiden ausgeblendet und beim nächsten Halt werfe ich mir eine richtig gute Portion Salz ein und habe den Eindruck, dass es seinen Zweck erfüllt.  Die Krämpfe lassen nach und wir haben unterdessen doch schon 42 Kilometer erreicht. Molle schert in eine Verpflegungszone aus kurz vor der Brücke, die uns auf die Küstenstraße entlang dem Limfjord bringt. Wie immer sprechen wir angeregt und es dreht sich um den Entschlackungsmythos, Scientology und andere Seelenfänger. Auf der gegenüberliegenden Seite der Meereszunge stehen riesengroße Windräder wie brave Sängerknaben, gänzlich lustlos und ohne Musik, dafür den „Rhythmus-wo-ich-mit-muss!“

Unterdessen sind wir landschaftlich in eher industriellem Umfeld und die kleinen Städte, die wir durchqueren, scheinen Fluktuations-geplagt: zu viele Häuser, die leer stehen oder zum Verkauf stehen, es fehlt irgendwie an menschlichem Esprit. Wir lassen die Geisterstädtchen hinter uns und kommen durch Farmland, wo uns immer wieder der penetrante Duft von Schweinefarmen in die Nase steigt. Irgendwann einmal taucht ein Straßenschild auf, welches darauf hinweist, dass in 200 m ein Kloster zu sehen ist. Meine Fantasie nimmt Sprünge: ob die da wohl gutes Bier brauen? Das Kloster ist dann aber gänzlich unspektakulär und es erscheint so seelenlos wie der Rest der Geisterstädtchen. Kati ist nicht einmal versucht ihre Kamera aus der Tasche zu packen.  Bei Kilometer 60 packt mich ein Wadenkrampf und ich setze mich an den Straßenrand um diese zu massieren. Ich bin wütend und ein bisschen verzweifelt, dass mein Körper nicht performen will. Die Strecke war nun wirklich nicht anstrengend. Sehr flach und noch Rückenwind und das nach einem Tag Pause! Ich werfe mir einen Riegel ein und schütte noch mehr Salz in mich rein und mache mich dann auf den wieder zu Kati und Molle aufzuschließen.  Wieder meldet sich Chad Kruger bei mir und will mich verhöhnen „…having fun yet?“, aber das ist mein Kopfkino und ich switche meinen Sound einfach zu Israel Kamakawiwo’ole, der gemütlich ein Remake von „Over the rainbow“ anstimmt. Das geht schon viel besser: wir Dicken halten eben zusammen.  Das Straßenschild, dass mir vor Stunden beschieden hatte, dass es noch 63 Kilometer bis Viborg sein würden, steht nun bei 57 Kilometer: Ein Affront, nach all der Schufterei. Bald bemerke ich, dass alle hundert Meter eine Markierung steht, die mich über die Distanz bis zu Viborg informiert. Die Schizophrenie fällt von mir ab und die Kilometer purzeln nun wieder. Beim Stand 43 km vor Viborg stellen mich Kati und Molle vor die Wahl in einen näher gelegenen Campingplatz zu gehen. Wir haben nun 72 Kilometer zurückgelegt. Molle meint es wäre eine Schande, den Rückenwind nicht zu nutzen und auch ich möchte es gerne versuchen, ob ich meinen Körper dahinbringen kann, dass wir den Ulbjerg-Campingplatz erreichen können.

Die abendliche Stimmung ist nun sehr schön und wir kommen sehr gut voran. Ich glaube auf einmal, dass ich es schaffen kann. Immer wieder kommen kleinere Steigungen, aber keine die groß genug sind um uns den Wind aus den Segeln zu nehmen. Als schlussendlich die Verzweigung zum Campingplatz kommt, können wir uns nicht richtig vorstellen, dass es irgendwo in dieser verlassenen Landwirtschaft  einen Platz mit direktem Meeranschluss geben soll. Kati packt auf dem Weg noch einen Zucchino ein, der wieder einmal mehr direkt vom dänischen Bauern kommt. Soweit sieht unsere Bilanz ganz passabel aus, fast gar keine graue Energie, einzig die Ananas kommt aus Costa Rica und hey, das ´s schon OK!

Der Campinplatz ist ein Juwel und der Dicke nach 92 Kilometern gänzlich am Ende und ein Sklave seines herrischen Magens: schnell etwas essen! Molle zückt eine Tüte Erdnüsse, während Kati den Pool aufsucht und noch ein bisschen schwimmt.

Und noch etwas fördert unsere Reise zu Tage: Der Clue befindet sich direkt in seinem Helm: eine kleine Spinne hat sich dort in einem der Lüftungsschlitze eingewoben: Es ist nun offiziell: bei Molle spinnt´s! Aber hey, das’s schon OK. (Anm. d. Red.: Frei nach dem Dauerohrwurm Gisbert zu Knysphausens: „Hey“)