(k) Tourist, Tourist in der Stadt – wer ist die schönste „ciudad“? Die andalusischen Städte sind wahre Magnete, die Touristen aus aller Welt anziehen und mit ihrem Charme aus Mauren, Tapas, Flamenco und Sangria verführen wollen. Von unserem Hostal mitten im Herzen der Altstadt Sevillas, dessen Eingang zwischen zwei Häusern liegt, die so eng aneinander gebaut sind, dass wir mit den bepackten Rädern beinahe stecken blieben, ließ sich das Gassengewirr zu Fuß erkunden. Faszinierend die schmalen Sträßchen, durch die mancherorts nur noch Fußgänger passen, die kleinen Geschäfte und die unzähligen Bars und Kneipen. Ganz groß kommen bei Touristen die alteingesessenen Tapasschuppen an, die im „Patio“-Stil mit viel Gefließtem und einem Innenhof oder zumindest einer Art Innenhof erbaut sind. Gemütlichkeit kommt nicht auf, wenn man eingepfercht zwischen reiseführerhörigen Tapashungrigen einen überteuerten Mixteller auf Fließenstufen sitzend oder in eine Ecke gequetscht stehend in sich hineinstopft. Im Ohr dazu Lärm der schreienden Theken- und Servicekräfte – Animateuren ähnelnd.
Ende mit „zu Fuß“! Die Räder waren ein weiteres Mal Gold wert: Ein paar Kilometer abseits der Altstadt gibt es auch alles, nur entspannt und authentisch. Seit Jahren begleitet uns dieses Phänomen, doch es fasziniert uns stets von Neuem.

Sevilla – einerseits extrem verwinkelt, so dass wir bis zuletzt immer nur durch Zufall zurück zu unserer Bleibe fanden und andererseits groß angelegt, mit seiner Plaza Espagnol oder der Uferpromenade. Inflationär beinahe schon die Existenz von Pferdegespannen, die Touristen kutschieren. Der gemeine Reisegruppenchinese fühlt sich pudelwohl. Beim Durchradeln fanden wir immer wieder neue Viertel, die sich für genaueres Erkunden in der Zukunft empfahlen. Ein Höhepunkt für uns war der Besuch einer kleinen Bodega, die aussah als wäre sie in eine hintereinander gebaute Doppelgarage eingepasst. Bodenständige Tapas, Bocadillos oder Kartoffeltortilla zur Sättigung, Wein und Bier für das Gemüt – so ließ es sich aushalten, bis um 23 Uhr ein Typ mit Gitarre und ein kleiner Sänger erschienen und loslegten. Beim zweiten „Set“ wurden die meterhohen Holztore zur Straße hin geschlossen, damit die Polizeit nichts mitbekam vom brodelnden Hexenkessel in dem wir mittendrin auf unseren Hockerchen saßen. Flamenco „street style“ – jeder klatsche und tanzte und schmachtete mit. Ein Glück, dass wir das in der touristisch durchorganisiert wirkenden Stadt erleben durften.

Der Zug nach Cordoba nahm uns mit. In Spanien ist das nicht ganz selbstverständlich, wenn man Räder hat, aber in diesem „media-distancia“ gab es sogar Fahrradplätze. Die überließen wir allerdings einem spanischen Radlerpaar – unsere vorsichtshalber eingepackten Räder passten mal wieder in eine Nische – diesmal die Nische zwischen Getränkeautomat (!) und Wand.
Cordoba ist kleiner als Sevilla. Es brüstet sich damit, dass alle sehenswerten Stätten in Laufdistanz zu erreichen sind. Das dominierende Bauwerk ist die Moschee-Kathedrale – Mezquita-Catedral. Ihr Bau begann 785 und dauerte über 200 Jahre. Zur damaligen Zeit die größte Moschee der Welt dar. Nach Vertreibung der Mauren 1236 wurde ab 1523 ein großes Kirchenschiff in die Mitte der Moschee gebaut – dies dauerte schlappe 234 Jahre. Das dies möglich war, zeigt allein schon die Dimensionen des Bauwerks. Über eine Brücke, die bereits die Römer gebaut hatten, und die mit ihren 16 Bögen den Fluss Guadalqivir besonders pittoresk überspannt, gelangt man zum Torre Calahorra, der die Stadt vor dem Einfall von Feinden schützen sollte.

Blick auf Cordobas Altstadt

Entlang des Ufers finden sich auf Altstadtseite verschiedenste Kneipen und Cafés, die alternativer, orgineller, moderner und luftiger wirken als das, was in Sevilla in unseren Blick geriet. Es war Samstag Abend und überall zelebrierten die Menschen mal wieder das Wochenende – in diesem Fall das besondere verlängerte Wochenende von „Todos sanctos?“ – Allerheiligen. Auf einem Rundgang um das Kathedralengelände sahen wir viele Personen in die Kathedrale drängen. Dies löst ja meist einen Herdentrieb aus und so schlossen wir uns an. Auf dem Schild wurde die Veranstaltung angekündigt: Mozart Requiem um 19.00 Uhr. Wir ließen uns in den imposanten Innenraum schleusen. 800 Säulen tragen über kleine Rundbögen verbunden die Decke im Inneren. Die Seitenschiffe waren mit Holzklappstühlen aufgestuhlt und wir fanden gerade noch Platz. Tausende waren hier, um das Requiem zu hören und die Messe zu feiern. Vom Seitenschiff konnte man natürlich nicht auf das Orchester, den Chor oder die Zeremonienmeister sehen, doch hingen überall große und kleine LCD-Fernseher, die das Ganze bis in den hintersten Winkel der Kirche übertrugen. Zum Hauptschiff war der Zutritt bereits abgesperrt. Die Musiker waren gut, die Messe natürlich auf Spanisch. Dennoch verließen wir vor dem Ende – genauer gesagt in dem Moment, in dem der Klingelbeutel gezückt wurde – die Veranstaltung. Man hatte gar nicht das Gefühl, einem echten Konzert oder echtzeit Kirchenmusik beizuwohnen, sondern eher, als würde man daheim am Fernseher eine Übertragung sehen – die Musik erreichte einen auch fast nur über die Lautsprecher. Außerdem herrschte eine ständige Unruhe durch Leute, die kamen und gingen, die an „vertical video syndrom“ litten oder meinten, quatschen zu müssen.
In Cordoba verbrachten wir zwei gemütliche Tage vor allem mit Herumstreifen. Es gibt dort viele Ecken zum Fotografieren, typische andalusische Häuschen und viele Sakralbauten. Ab einer gewissen Uhrzeit begann dann die Kneipenrunde. Ein Rioja hier, ein Blanco da. Am zweiten und letzten Abend entdeckten wir eine kleine alternative Kneipe die „la bicicleta – people on bicycle“ hieß. Wer mit dem Fahrrad kommt, erhält 4% Ermäßigung auf alles. Sie lag unweit unserers Hostals, so dass wir zu Fuß gekommen waren, aber die Idee fanden wir exzellent. Das ist genau der Schlüssel – schafft Anreize!

Der Zug nach Valencia nahm uns mit. Diesmal war das Bangen ein wenig größer, denn je nach Art des Zuges kann es in Spanien schwierig werden mit der Radmitnahme. Außerdem hatten wir von einem schweizer Paar, das wir in Sevilla am Bahnhof gesprochen hatten, erfahren, dass ihr Gepäck beim Zustieg in den Zug in Malaga durchleuchtet wurde und sie ihr „Sackmesser“ hätten abgeben müssen. Glücklicherweise waren sie so zeitig am Bahnhof gewesen, dass der Mann das Messer zurück ins Hotel bringen konnte. Sie waren nur auf einen 2-Tages-Trip gestartet. Aber uns könnte man bei der Kontrolle ganze vier schöne Messer abnehmen. Von meinem Vicotrinox Alleskönner, das wir vor allem zum Weinöffnen benötigen, über den Letherman bis hin zu zwei Opinel Klappmessern, die wir zum Kochen brauchen. Wie soll man da beispielsweise als campender Rucksackreisender ohne eigenes Auto reisen? Nach jeder Zugfahrt ein neues Messer kaufen? Der Irrsinn dieser „Sicherheitsmaßnahmen“ zeigt sich vor allem dadurch, dass man an den nächsten Haltestellen wohl einfach so in den Zug einsteigen kann. In Cordoba entdeckten wir auch die Durchleuchtungsanlagen, aber sie betrafen glücklicherweise nur die ganz schnellen Fernzüge. Unser alter „Talgo“ nach Valencia durfte unbeschattet fahren – Menschen mit bösen Absichten fahren also nur Schnellzüge? Gut zu wissen.
Für die Räder fanden wir auch gute Plätze – die Gepäcknischen nach den Glastrenntüren der Waggons verfügten über aufklappbare Zwischenfächer – ein Glück für uns, denn so passten die Räder senkrecht hinein. Ansonsten wäre es wirklich sehr schwierig geworden, denn der Talgo ist insgesamt sehr eng ausgelegt und bietet keine anderen Stellflächen. Dieses Bangen um die Radmitnahme begleitet uns auch schon seit Jahren. Es ist nicht schlimm, da es sich ja auch um ein „Luxusproblem“ handelt, aber man läuft als Bahnkunde ständig mit einem schlechten Gewissen und in Bittstellung herum (bitte, nehmt uns so mit, wie wir sind, wir wollen doch nur spielen, wir beißen nicht!). Mittlerweile muss man allerdings sagen, dass wir das Verpacken und Zerlegen ziemlich perfektioniert haben – Routine zahlt sich hier aus. Wir finden immer schnell einen Platz, ohne viel Aufmerksamkeit zu erregen.
Auf der Zufahrt nach Valencia fielen uns landschaftlich reizvolle Gebiete auf. Die Berge schienen greifbar nah und die Täler, durch die wir uns schlängelten, luden zum Radfahren ein. Wir werden uns das merken.


Valencia selbst ist eine quirlige, bunte, sehr angenehme Stadt. Auch hier wieder viele Touristen und Tourbusse (unter anderem die Busflotten der Kreuzfahrtschiffe), aber es ist weitläufiger und eben eine Großstadt, die noch mehr zu bieten hat. Kirchen stehen wieder ganz oben auf der Liste der Sehenswürdigkeiten, doch ihr Inneres bleibt uns verborgen, weil der Eindruck sowieso sofort auf dem Friedhof des Vergessenen landet. Valencia hat viele alternative Viertel. Hier finden sich liebevoll entworfene Kneipen und Kunstgalerien in allen Stilrichtungen. Graffittimauern ziehen sich durch die ganze Stadt – überall wo gerade etwas brachliegt, hat die Kunst Einzug erhalten. Mondäne Bauten säumen die großen Boulevards, gotische Kirchen und historische Universitätsgebäude die Altstadt. Hier waren richtig gute Städteplaner am Werk. So wurde der Fluss Turia, der sowieso fast das ganze Jahr trocken lag, einfach um die Stadt geleitet und das alte Flussbett wurde in einen Park verwandelt, der sich gut zehn Kilometer vom Tierpark bis zur Stadt der Künste und des Wissens hindurchzieht. Er ist die grüne Lunge der Stadt und verbindet ihre Teile, die durch das große trockene Flussbett im Grunde getrennt waren. Die alten Brücken führen alle noch darüber und unten im Park verläuft ein durchgehender Radweg, Joggingstrecken, es finden sich Spiel- und Rastplätze und ein Musikpavillon. Man kann sich im Park mit dem Rad fortbewegen und dort, wo man ungefähr hinmöchte wieder in die Stadt hinein abbiegen. Eine tolle Idee!


Die extravaganten Bauwerke der Stadt der Künste und des Wissens Ciudad de las Artes y de las Ciencias) stammen von den Architekten Santiago Calatrava und Felix Candelaaus und wurden 1998 eingeweiht. Sie beherbergen unter anderem ein großes Aquarium, ein naturwissenschafltiches Museum, ein 3D-Kino, ein Opernhaus, einen Veranstaltungsplatz uns viele Grünflächen.

Der Yachthafen gibt den Blick frei auf millionenschwere Privatvergnügen und am Containerhafen sind gewaltige Krähne beschäftigt, miniaturartig wirkende Container aus dem Bauch von Schiffen zu angeln. Den Stadtstrand sahen wir uns auf dem Weg zur Fähre an – der Tag war am Abklingen und das Geschäft mit dem Foto von der großen Sandburg und der Aufschrift „Valencia“ lag in den letzten Zügen. In einer Kneipe im strandnahen Stadtviertel warteten wir bei Cerveza, Rioja, Empanada und „Bocerones“ (kleine Sardinen) bis es 22 Uhr wurde und die Fähre nach Palma de Mallorca zum „Embarque“ freigegeben wurde.
Fast ausschließlich mit Schwerlastverkehr rollten wir auf die „Zurbáran“. Touristen kommen fast ausschließlich per Luftfracht auf die Insel. Fast alle LKW-Fahrer fanden sich zügig im Restaurant ein, um sich noch kurz vor dem Schlafen 2000 Kalorien zuzuführen in Form von Fleisch mit Fritten – wahlweise noch aufgewertet mit Paella. Dann verschwanden die meisten in ihre Kabinen. Im Pullmann-Raum, wo wir uns eingebucht hatten, befanden sich gerade mal noch 6 weitere Personen. In einer dunklen Ecke bereiteten wir eine kuschlige Thermarest-Station, bauten dahinter eine Mauer aus Gepäck und genossen die ruhige Überfahrt im Schlaf. Lediglich die ab und an am Boden vorbeiziehende Fahne aus kaltem Rauch und Bier erinnerte uns daran, dass wir nicht in unserem Zelt lagen, denn da stinkt es eher mal nach Schweißfüßen und feuchten Radhosen.
Kurz nach 7 Uhr berollten wir im Schein der aufwachenden Sonne die Promenade entlang des gewaltigen Hafens von Palma de Mallorca.

Unzählige Yachten werfen die Frage auf, warum es so viele richtig reiche Menschen gibt und was die wohl getan haben, dass sie so reich sind. Das Hostal Bonany empfing uns mit einem muffigen Zimmer, das uns in Gedanken irgendwo nach Asien katapulierte. Doch mit Balkon war es auszuhalten und wir waren ja nicht in Palma, um im Zimmer zu sitzen.

Zwei Tage hatten wir Zeit, um Einkäufe für die Weiterreise zu erledigen. Allerdings waren wir letztlich nicht so erfolgreich wie gedacht. Wir waren davon ausgegangen, dass es im Rad-Eldorado Malle eine Fülle an gut ausgestatteten Radläden gibt und wir geschwind unser Ersatzteillager aufstocken können würden. Stattdessen fanden wir nur mit Hilfe des Internets zwei kleine Läden, die aber kaum was Brauchbares hatten. Fündig wurden wir letztlich im etwas außerhalb gelegenen Decathlon. Jetzt führen wir eben Schläuche und Mäntel, Kettennieter und Kleinteile von dieser Qualität mit uns. Aber ist ja auch nur Ersatz für den Fall der Fälle. Der  wohl bestens ausgestattete Kartenladen im „Casa de la mapa“ enttäuschte uns mit seinen Öffnungszeiten – wir konnten am Samstag Vormittag nur noch unsere Nasen an der Schaufensterscheibe platt drücken und sehnsüchtig auf den großen Ständer mit Kartenmaterial aus aller Welt schielen. Hier wären wir mit Sicherheit fündig geworden und hätten auf dem Schiff in Ruhe Karten der VAE und vom Oman wälzen können. Im Gegenzug hatten wir wirklich noch Glück, dass  am Samstag Mittag im „Musicasa“ der Gitarrenverkäufer noch fünf Minuten nach der Schließzeit mit seinem Kollegen am Besprechen war und er die Tür noch nicht verriegelt hatte. Wir erstanden geschwind eine gebrauchte Kindergitarre für 50 Euro und ein Stimmgerät.

Hatte ich mir doch in den Kopf gesetzt, dass ich auf dem Kreuzfahrer Gitarre lernen könnte – bei so unendlich viel Zeit wie ich in den nächsten zwölf Tagen zu haben schien. Palma war noch gut besucht – fraglich, ob hier überhaupt jemals im Jahr Ruhe herrscht. Wir taten uns nicht leicht, leckeres Essen zu finden. Entweder war es wirklich der letzte Fastfood-Fraß oder es war sehr überteuert, was es uns nicht leicht machte, uns zu entscheiden. Wenn man weiß, dass bestimmte Tapas im Norden Spaniens beispielsweise 1,50 Euro kosten, dann hat man einfach keine Lust, diese nun für 4,50 zu bestellen.
Im Mercado Santa Catarina eröffnete sich uns dann allerdings doch noch ein wahrer kulinarischer Hochgenuss. Der langgezogene Stand „Can Joan Frau“ bietet ein großes Sortiment authentischer Speisen, die man am Tresen oder an ganz kleinenTischen im inneren genießen kann. Alles ist in großen Töpfen, Pfannen und Wannen frisch gekocht und man bestellt am besten ein „Variado“, dann hat man von allem einen Happen. An anderen Ständen im Markt entdecken wir auch wieder herrliche Pinxos, einen Sushistand und andere Leckereien. Das ist der erste Markt auf dieser Reise, in dem es auch Stände gibt, die zubereitete Speisen anbieten. Wir hatten uns schon öfter gefragt, warum das nicht immer so ist, denn wo anders als auf dem Markt gibt es solch frische Waren, aus denen man direkt etwas zaubern kann.


Am Sonntag schnallten wir die Gitarre ganz oben auf mein Gepäck und machten uns zeitig auf zum Hafen Porto Pi.

Schon von weitem sah man die AidaStella an ihrem Liegeplatz. In den Hafenbereich konnten wir problemlos hineinradeln und so mussten wir die Räder erst direkt beim Check-in vor dem Schiff verpacken, was genial entspannt war.

Der spanische Security-Officer neben dem Scanner war bereits leicht entnervt von den lieben Mitreisenden, die es auch nach dreimaliger Anweisung nicht verstanden, alles – also a l l e s aus ihren Hosentaschen und vom Körper zu nehmen, damit in der Personenschleuse nichts piepst. Er beließ es dann bei den Rädern mit Augenscheinkontrolle. Wir verzichteten auf das Begrüßungsfoto mit dem Holzsteuerrad, schlängelten uns unbehelligt an der Entertainmentmanagerin Miriam vorbei, die mit dem Kamerateam die Passagiere auflauerte um zu fragen, worauf man sich auf dieser Reise am meisten freue, und schleppten unser Zeug zur Innenkabine 4341 auf Deck 4. Sehr geräumig und freundlich wartete sie auf uns. Die Räder passten perfekt unter die Betten, wie erwartet. Die Wasserreise konnte beginnen.