Kurz überlegten wir noch, ob wir einen Pausetag am Atlantik bei Bayonne und Biarritz einlegen und versuchen sollten, auch einmal richtig in den Wellen zu surfen. Je länger wir aber die großen Brecher beobachteten, desto schneller war uns klar: das hier ist nichts für Anfänger. Also begnügten wir uns mit dem Beobachten der Wagemutigen und tranken ein Bierchen dazu.

Wer bin ich?

So schnell wir die Atlantikküste erreicht hatten, so schnell verließen wir sie denn auch wieder. Es ging landeinwärts in Richtung St.Jean-Pied-de-Port: dem geneigten Pilger klingt das nach Musik in den Ohren. Richtig, es ist EIN Startort des Camino de Santiago. Nämlich der des Camino Frances, der die Peregrinos aus aller Welt über mehr als 700 Kilometer bis nach Santiago de Compostela führt. DEN „Camino de Santiago“ gibt es ja nicht wirklich, vielmehr zahlreiche Routen, die sich immer wieder in größeren Orten kreuzen und, ja klar, schlussendlich alle im selben Ort enden.
Eine feucht-kalte Nacht und der erste Nebel der Reise sagen uns: es wird Herbst im Norden. Für uns ein klares Zeichen, schnell nach Süden zu ziehen. St.Jean-Pied-de-Port ist natürlich voll von, Erstens Pilgern und Zweitens Pilgerunterkünften. Trotzdem ein charmantes Dörfchen in den Pyrenäen. Der Pass zieht durch ein enges Tal nach oben, irgendwann erreicht man auf gut ausgebauter Straße Spanien. Die Straße bleibt weiter hervorragend zu fahren und so schiebt man sich auf 1059m, und damit den Pass Ibaneta. Unterwegs sahen wir immer wieder mit schweren Rucksäcken beladene Pilger. Fast leid taten sie uns, das alles laufen zu müssen. Aber, die meisten werden es ja auch wollen. Jedenfalls nahm unser Mitleid im Laufe der nächsten Etappen über Pamplona, Logrono, Haro und Burgos trotzdem nicht ab. Zu oft verläuft einer der Caminos auf oder neben der Straße, die sich teils kilometerlang und schnurgerade durch oft karge und eintönige Landschaft zieht. Wir jedenfalls waren froh, diese Strecken geschwind im Sattel passieren zu können und dies alles im Rollen zu genießen.

Pamplona
Wir haben mit dem jungen Briten Owen, der seit zwei Jahren in der Stadt lebt und arbeitet, einen Gastgeber auf dem Warmshowersportal gefunden. Dies ist vergleichbar mit Couchsurfing, jedoch von Fernradlern für Fernradler. Wir erreichten die Stadt an einem Sonntag Morgen, direkt nach der „kleinen San Fermines“. Die „große San Fermines“ findet im Sommer Stadt, dabei werden Stiere durch die Gassen der Altstadt bis in die Arena gejagt. Junge und übermütige Menschen aus aller Welt rennen dabei mit durch die Gassen. Dazu wird gefeiert und, ja, gesoffen. Die kleine San Fermines verzichtet auf die Stiere, es bleibt: Feiern und Saufen. Und genau so zeigte sich die Stadt am Sonntag Morgen. Müll, Müll, Müll, zerbrochene Flaschen, klebrige Überreste von Sangria, Bier und dem Mageninneren. Wir trafen Owen und zogen erstmal los, Kaffee zu trinken. Nicht so einfach, alle waren irgendwie verkatert, die meisten Bars einfach zu. Nichlas erzählte uns von seiner Arbeit. Er ist eigentlich Lehrer, ist aber nun als „native speaker“ für den Eglischunterricht einer jungen Start-up-Firma angestellt. Die kleine Firma hat einen revolutionären Sehtest entwickelt und ist auf dem Weg, die Welt zu erobern. Sogar die Deutsche Bank will als Investor einsteigen. Er freut sich, einen tollen Job zu haben und dennoch genug Zeit, seinem liebsten Hobby zu frönen: Ausdauersport. Nach dem morgendlichen Unterricht fährt er mit dem Rennrad fast täglich 120 – 140 Kilometer. Er läuft Marathon und betreibt Triathlon. Ziemlich fit der Junge. In seiner kleinen Stadtwohnung bekamen wir frische Smoothies, er wurde dafür von uns mit Thai-Spezialitäten bekocht. Pamplona ist eine gemütliche und beschauliche Stadt, deren alter Kern voll von Bars und Cafés ist. Rotwein und Tapas, so viel und (fast) so lange man mag.

Navarra und Rioja
Jedem sind diese beiden Namen wohl unter einem Thema geläufig: Wein. Klar, dass sich hier auch alles darum dreht. Dutzende von Bodegas laden zum Probiern und Kaufen ein. Weinreben, oft so weit das Auge reicht. Und dazu eine unglaublich spektakuläre Hügellandschaft. Die Böden sind sandig und mit großen Steinen durchsetzt, alles wirkt sehr trocken. Doch der Wein mag das offenbar. Zum Radeln war es anstrengend, aber auch herrlich abwechslungsreich. Dazu kaum Verkehr.

Weinernte in der Rioja.

Die Autobahn verläuft großteils direkt neben der alten Nationalstraße, die damit über große Strecken zum Statisten degradiert wurde. Gut für uns. Sobald man auf die „strada provincial“ ausweicht, ist man so gut wie alleine.

Estella – die Schöne am Jakobsweg.

Das gilt auch für die Dörfer, die man dabei durchfährt. Oftmals wie ausgestorben, viele Häuser – verlassen. Wahrscheinlich sind hier nur noch die Alten, die dann irgendwann leider von dieser Erde gehen müssen, tja, und ein junger Mensch zieht wohl kaum in solche Dörfer, die vielleicht auch machmal einfach aufgrund der neuen Nationalstraßen und Autobahnen an Bedeutung verloren haben. Geschlossene Bars, Restaurants und Tankstellen könnten vielleicht die ein oder andere Geschichte aus vergangenen Tagen erzählen. Die Gesellschaft hat sich halt einfach gewandelt. Viele Zeugen der spanischen Immobilienblase können auch noch bewundert werden, die Skelette aus Stahl und Beton bröckeln oft im Zehnerpack auf den Hügeln um die größeren Städte.

Kastilien und Léon

Waren die beiden Provinzen zuvor noch etwas belebter und abwechslungsreich, so zeigte sich die Strecke ab Haro fast schon wüstenähnlich. Damit hatten wir nicht gerechnet. Oft kamen Erinnerungen an die chinesische Seidenstraße im Westen in uns hoch. Und gäbe es noch ein paar Nudelküchen und rote Laternen an den Häusern, wir hätten es geglaubt. Diese Kargheit und die sandfarbene Berg- und Hügellandschaft gefielen uns dann doch auch sehr. Da konnte selbst ein Tag in strammem Gegenwind der Laune nichts anhaben. Wüste ist hier freilich keine. Es sind einfach viele Felder, die jetzt im Herbst abgeerntet und nach dem langen Sommer ausgedörrt waren – so vermuten wir. Die Leute auf dem Land zeigten sich wieder etwas interessierter am Fernradler, so oft kommt dann hier wohl auch keiner vorbei. Uns begegnen die Spanier bislang sehr zurückhaltend, aber immer höflich und freundlich – was man glücklicherweise auch über die Autofahrer sagen kann. Hoffentlich bleibt beides so. Wobei, manchmal würden wir uns sogar wünschen, dass der ein oder andere uns bei Tapas und Rioja auch mal anspricht, so dass man ein bisschen mehr über das Land erfahren könnte. Andererseits könnte dies dann auch wieder an unseren doch sehr minimalen Spanischkenntnissen scheitern…

Salamancas Altstadt von der anderen Flussseite

Spaniens Norden ist, soweit wir das nach einer Woche sagen können, selbst für uns viel und weit Gereiste, wieder etwas Neues und Anderes. Jedes Land hat eben doch seinen eigenen Charakter, seine kulturellen und auch kulinarischen Besonderheiten. Hier sind es zum Beispiel die Tapas. Mehr dazu vielleicht in einer der nächsten WELTfolgen.

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