18.11.2009 (m) – Nghia Lo – Hanoi: 0km, 0Hm (auf dem Rad)

Ha hat es uns ja gestern „befohlen“. „Ihr nehmt morgen den Bus!“. Wir hatten ja gar keine Chance. Schließlich ist er ein Local, unweit nördlich Hanois geboren und kennt die Gegend wie seine Westentasche. Und außerdem hat er uns beim Abendessen schon festgenagelt und dem Wirt eingebläut, dass er uns in den richtigen Bus nach Hanoi setzt. Und so wird es nicht mal was mit ausschlafen. Punkt Acht sollen wir uns am Haltepunkt einfinden. Könnte natürlich auch sein, dass das Gefährt erst um Neun oder halb Zehn einrollt. „Jam karet“, wie der Indonesier zu sagen pflegt. Also lungern wir an der Hauptstraße rum, beobachten das vietnamesische Straßenleben, dass sich vom chinesischen bzw. anderen asiatischen Straßenleben ungefähr genauso unterscheidet wie ein braunes von einem weißen Hühnerei – bis auf einige Details eben ziemlich dasselbe. Maokäppis sind konischen Spitzhüten gewichen, chinesische Schriftzeichen haben sich in „lich, dich, ngoc“ verwandelt, immerhin kann man es lesen, unverständlich bleibt es aber genauso. Aus Angst, den Bus zu verpassen (wie dumm von uns!), haben wir gar auf das Frühstück verzichtet und als der Bus dann um kurz vor Neun einrollt, stürzen wir uns mit den ausgehungerten Passagieren ins Resti und ordern eine „Fö Bo“ (Wasserbrühe mit Reisnudeln und zähen Rindfleischfetzen). Plötzlich winkt uns der Busfahrer, der etwas abseits mit dem „Kassierer“ in einem Separée sitzt, herbei. Wir rechnen damit, bezahlen zu müssen. Mit einer keinen Widerspruch anerkennenden Handgeste weist er uns zwei Sitzplätze an seinem Tisch zu. Und schon werden einige Gerichte aufgetragen. Spareribs, Garnelen, etwas Gemüse, ein Topf Reis und unsere beiden Suppen. Bevor wir etwas tun können, halten wir schon zwei Gläschen Reisschnaps in der Hand. Aus den Augenwinkeln beobachten wir, ob der Fahrer auch mit zu den Gläsern greift…es unterbleibt. Erleichtert kippen wir uns das Zeugs hinter die Binde. Gottseidank nicht allzu stark, blind macht’s wohl auch nicht – glücklicherweise, denn schon wird nachgeschenkt. Vor dem dritten Glas, mache ich deutlich, dass es genügt, doch der Widerspruch wird erst anerkannt, als der Fahrer mein Flehen abnickt. Ein harter Hund. Fährt er auch so? Kompromisslos, bestimmt, gnadenlos? Die Art wie er die Essensreste (Knochen und Co) vom Tisch in sämtliche Ecken des Lokals befördert, lässt jedenfalls solches vermuten…zu spät. Die Räder sind auf dem Dach verzurrt, die Taschen belegen die gesamte Rückbank – wer sagt ihm jetzt, dass wir doch lieber…egal. Augen zu und rein. Leicht geschrieben, aber schwerer umzusetzen. Muss doch erst ein junger Vietnamese mit laut dröhnendem Handy von unserem Platz verscheucht werden (danke hier an die sehr bestimmte Art des Fahrers). Ja und so faltet sich Katrin ans Fenster, die 10cm Beinfreiheit sind doch der pure Luxus. Ich strecke meine „Haxn“ in den Gang. Und dann ruckelt die Kiste los, auf und ab (das Profil der Region kennen wir ja aus den vergangenen Tagen), Linkskurve, Rechtskurve, die Hupe dröhnt beim Durchrasen der Ortschaften. Wieder einmal denken wir uns, dass eigentlich keine Etappe auf dem Rad so anstrengend sein kann wie Bus fahren! Eine Reise, völlig angewiesen auf Busse, unvorstellbar. Als wir eine Vollbremsung hinlegen und das Dröhnen des entgegenkommenden LKWs die Scheiben vibrieren lässt und 25 vietnamesische Gesichter mit große Augen nach Links schwenken, ist es Zeit, tief durchzuatmen und an das Gute zu glauben. Wir essen Süßigkeiten und reden über unsere weiteren Pläne, um uns abzulenken, spätestens aber, als 30 Kilometer vor Hanoi die Kapazitätsgrenze des Busses gesprengt wird und noch jede Menge Gäste in den Gang gelassen werden und in der ersten Reihe eine junge Frau das Kotzen anfängt, werden Sekunden zu Stunden! Glücklicherweise kommt nun auch noch ein bisschen die Sonne raus und erwärmt die fahrende Blechdose…F A H R R A D, du göttliches Geschöpf! Unser Fenster steht unterdessen so weit offen, wie es ein altes, klemmendes, vertaubtes, verrostetes seiner Art zulässt und so sehen und hören wir die Motorrad-Taxi-Fahrer am Busbahnhof gleich viel besser. Leider wissen sie nicht, dass wir unsere Räder auf dem Dach haben. Hochkonzentriert, sämtliche Taschen in festem Griff, verlassen wir den Bus. Man hat ja viel gehört von Vietnam! Sicher ist sicher. Wir ziehen uns an einen Zaun zurück und bauen die Räder auf, beladen und sind sowas von heilfroh, als wir den Busbahnhof unversehrt verlassen. Hanoi, das ist wohl derzeit ein Synonym für Mofas. Jeder, der vor zwei, drei, vier Jahren noch ein Fahrrad beweg hat, knattert heute mit so einem Luftverpester durch die Straßen. Zu Hunderten, nein, zu Abertausenden bevölkern sie diese. Eine nicht abreißende Kette von Zweirädern, dazwischen fetteste Geländewagen – wohl die nächste Stufe der mobilen Evolution. Was bleibt uns, als uns hineinzuwagen. „Keep on moving“, immer mit dem Strom, gleichmäßig, bloß keine unerwarteten Bewegungen. So lange alles im „Flow“ ist, geht’s schon irgendwie weiter. Einige Kilometer folgen wir der Hauptstraße und nähern uns so dem Zentrum an, wo unser reserviertes Hotel liegt. Zwei mal müssen wir nachfragen, dann kurven wir durch die engen Gassen der Altstadt. Mofas fahren hier natürlich trotzdem. Genauso viele, genauso laut, genauso schnell. Enger ist es halt, was den Thrill erhöht. Aber wie gesagt: „Keep on moving!“ Das ist das Wichtigste. Wer stehen bleibt, zeigt sich zudem als unsicher, verwundbar, neu in der Stadt. Und das ruft Händler, Motorradtaxis und Geschwerl auf den Plan. Also zeigen wir wieder mal völlig sicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit. Es wirkt! Da wir einen Tag zu früh dran sind, ist unser Hotel noch belegt und wir werden kurzerhand in ein benachbartes Haus eskortiert. Auch schön. Abends verwöhnen wir uns im „Thai-Express“. Nach der mageren vietnamesischen Woche braucht der Mensch ja wieder mal was Richtiges in den Magen. Auf den ersten Blick ist Hanoi eine coole Stadt. Hektisch und unglaublich verkehrsreich, aber die Menschen sind unaufgeregt und höflich, die Häuser lassen einen staunen und das kulinarische Angebot ist so reichhaltig wie originell. Zusammen mit den Straßenständen und Buden, Garküchen, Straßenecken-Nudelküchen und urigen Bier-Kneipen ergibt sich ein äußerst interessantes Bild, das einen sicher Tage fesseln und unterhalten kann.