15.11.2009 (k) – Sapa  Than Uyen: 97km, 1100Hm

Gegen 6.45 Uhr morgens liegt der Platz vor unserem Hotel noch ruhig und im dichten Nebel. Gestern Abend fand hier der ach so berühmte Samstagsmarkt Sa Pas mehr oder weniger nicht statt: die Touristenstände waren die gleichen wie immer und zusätzlich drehte sich in der dunklen Mitte des Platzes eine Handvoll Jugendlicher wie Derwische im Kreis – umringt von zwei Handvoll Touristen, die dieses „ursprüngliche“ Szenario auf Speicherkarten festhielten. Wir haben die Szene von etwas abseits auf unserem Heimweg vom Restaurant beobachtet. Es heißt, dass das Singen und Werben der Teenager um ihre Liebe ein interessanter Bestandteil des Samstagmarkts ist. Was wir sehen ist dagegen eine lächerlich-groteske Szene, aber das scheint hier niemand zu hinterfragen.

Da es feststand, dass wir heute auf jeden Fall weiterfahren, gibt es auch kein Zögern und Zaudern. Wir ziehen die volle Montur an und rollen kurz nach 7.00 hinauf zum „Baguette e Chocolat“ um ein kurzes Frühstück einzuwerfen und zwei belegte Baguettes als Proviant zu bestellen. Das kleine Restaurant, das außerdem 4 Zimmer hat, ist eine von vier Einrichtungen (drei davon in Hanoi), die benachteiligte Jugendliche in der Gastronomie ausbildet und sie später bei der Jobsuche unterstützt.

14 km geht es von Sa Pa hinauf bis zum höchsten Pass Vietnams, dem Tram Tong Pass auf knapp 2000m. Schon nach gut 100Hm löst sich der dichte, feuchte Nebel ein wenig und wir können die angrenzenden Dörfer sowie ab und zu einige Bergspitzen erkennen. Der Nebel, die Sonne und die Berge geben ein tolles Schauspiel ab. Unsere Stimmung ist gut, wir freuen uns, aufgebrochen zu sein. Den „Silberwasserfall“ knipsen wir im Vorbeifahren von der Straße, wobei dieses Foto eher ein „must“ ist, denn ein gutes. Einige Touristengruppen pilgern gerade den Weg entlang des Rinnsals hinauf. Über wie viele Wasserfälle haben wir auf unseren Reisen bereits lauthals lachen müssen. Neuseeland, Indonesien, Chile: gemeinsam war ihnen immer eine großartige touristische Ankündigung bei geringer Impressionskraft. Der heutige mag in der Regenzeit vielleicht sogar gar nicht so übel aussehen. Je höher wir kommen, desto enger umarmen uns wieder die feuchten, weißen Schwaden. Die Sicht ist wieder auf knappe 50m begrenzt und dies bleibt leider auch so, bis wir nach über 30km auf 500m Höhe die Häuser und angrenzenden Felder wieder sehen. Diese Abfahrt geht durch eine der spektakulärsten Landschaften Südostasiens! Tja, spektakulär sehen höchstens wir und die Räder aus, nach dem Durchfahren zahlreicher Baustellenabschnitte und dem dazugehörigen Nieselmatsch. Man kann nicht immer Glück mit dem Wetter haben.

Lustigerweise sind wir nicht die einzig Irren, die heute diesen Pass hinabschlittern: drei schweizer Landsleute auf Mountainbikes haben sich auf den Pass fahren lassen und sind mit uns zeitgleich auf der Abfahrt. Sie machen eine Tour durch Vietnam und Laos – doch ohne Gepäck und mit Begleitbus.

36km nach der Passhöhe biegen wir auf den „Highway“ 32 nach Süden ein. Zu unserer Freude ist er auf den nächsten 61km bis Than Uyen geteert. Zum Teil sogar so neu, dass wir auf noch heißem Untergrund und klebrigen Reifen an den Bauarbeitern, die gerade die nächste Ladung verteilen, vorbeiziehen. Die Landschaft auf dieser Teilstrecke ist sehr schön anzusehen: zu unserer linken ragt der Phan Si Pang in den Himmel. Er ist jedoch fast komplett in Wolken gehüllt, doch die angrenzenden Berge des Hong Lien Son Gebirgszugs sind mit der Zeit immer besser zu sehen: steile bewaldete Zapfen und breitere, mit Felsen durchsetzte Rücken. Die Dörfer neben der Straße sind sehr ursprünglich. Die Menschen wohnen in den typischen Pfahlbauten aus Holz: oben der Wohnraum, unten die Holzvorräte und die Tiere. Hier und da sieht man ganz neu gebaute, schmale Häuschen, die grau verputzt sind, aber vorn eine farbige Fassade haben und einen spitzen Giebel sowie einen kleinen Balkon. Wir sehen Frauen, in der Hmong Tracht (knielanger Rock, Stulpen, Oberteile mehrteilig und bunt bestickt (eher schwarz, oder auch mit Blumen bei den sog. „FLower-Hmong“), die Feuerholz gesammelt haben und auf dem Weg zurück in ihre Dörfer sind; wir sehen Reisterrassen (zur Zeit leider braun und nicht so imposant) und Teeplantagen, aus denen nur noch die Spitzhüte hervorragen; wir sehen Wasserbüffel, die geritten oder getrieben werden; wir sehen unzählig viele Kinder, die alle in euphorisches „Hello“-Rufen und Winken ausbrechen, das wir stundenlang beantworten. Nur ganz selten folgt dem „hello“ sogleich das Wort „money“ – man kanns ja mal versuchen. Die Menschen, die wir sehen, grüßen fast alle und schenken uns ein Lachen und ein Winken.

Than Uyen ist ein sehr quirliger Ort. Im Zentrum tümmeln sich Menschen und Motorräder vor zahlreichen kleinen Geschäften. Alles macht einen viel volleren und hektischeren Eindruck als in China. Wir finden ein gutes Guesthouse für umgerechnet knapp 5 Euro das Doppelzimmer. Zimmer scheinen in Vietnam auf dem Land billiger zu sein, als in China. Was Essen oder Einkäufe betrifft, haben wir noch keine genaue Preisvorstellung. Es schreckt uns etwas ab, hier jetzt immer handeln zu müssen und Preise vorher auszumachen. In China waren alle Preise klar und nicht verhandelbar. Jetzt gilt es, sich umzustellen. Ohne Sprachkenntnisse nicht ganz leicht.

15Nov2009