Wir verließen Shinas und unseren “Goldenen Käfig” nach zwei Tagen. Er war schon sehr gastfreundlich der Mohammed, aber so richtig rangelassen an sich und seine Familie hatte er uns nicht. Frau und Kinder sahen wir nur am Ankunftstag, er selbst tauchte nur dreimal täglich für zehn Minuten auf, um uns das Essen ans Gartentor zu liefern. Wenig Gespräche, wenig Austausch. Ein bisschen hatten wir das Gefühl, dass er sich durch seinen strengen Glauben dazu verpflichtet sah, uns zu beherbergen. Kein Vorwurf natürlich, nur eine Feststellung.
Ganz anders erlebten wir nämlich wenige Tage später eine Einladung in den Bergen. Bis es so weit war, mussten wir uns aber zunächst gut 70 Kilometer auf der Küstenstraße bis Sohar entlangkämpfen, wo wir in einem herrlich grünen Park am Meer campen konnten. Am nächsten Morgen dann weiter auf einer verkehrsreichen, zweispurigen, seitenstreifenfreien und schnurgeraden Straße aus Sohar hinaus in Richtung Hajar-Gebirge. Dass es über 30° hatte und der Wind böig-stramm von vorne blies, sei nur am Rande erwähnt. Nach gut 40 Kilometern waren endlich die Berge in Sicht und sogleich besserte sich die Stimmung. Noch viel mehr, als endlich ein Ort auftauchte, indem wir uns mit Vorräten für die bevorstehende Campingnacht eindecken konnten.

Dabei sprach uns ein Omani aus dem Auto heraus an. Er fragte, ob wir nicht bei ihm bleiben wollten. Allerdings war es schon spät am Nachmittag und der Weg zu seinem Haus mit einigen Höhen- und vor allem gut 30 Kilometern „versperrt“. So nahmen wir seine Handynummer und versprachen, uns morgen zu melden.
Es folgte eine wunderbar ruhige Nacht an einem leicht erhöhten Platz im Wadi Hibi, versteckt hinter einem Felsblock unter dem funkelnden Sternenhimmel. Wunderbar!
Unseren Gastgeber für die nächsten Tage kontaktierten wir nach einem leckeren Dhal in Al Waqbah.

Und sie sind immer freundlich…

Keine drei Minuten später brauste er heran und wir sollten seinem Jeep hinterherfahren – bis in einen Talkessel: Al Jazeera.
Schnell lief das halbe Dorf herbei, alles Mitglieder der gleichen Sippe eines traditionellen Beduinenstamms: Al Badi. Wir wurden überschwänglich und interessiert empfangen, jeder wollt mal „Hallo“ sagen. Unsere Gastgeber waren Ahmed und Asna. Hier wurden wir in den kommenden Tagen bestens von deren Haushälterin Selma aus Indien versorgt.

Und immer wieder “sitzen” und: “You have to eat. You are the guest!”

Überhaupt isst man ja eh nie allein. Immer wieder kam „Verwandschaft“ zu allen Mahlzeiten. Es gab indischen Dhal, Brotfladen mit Honig, immer wieder Datteln und Schokolade, süßen Milchtee, Reis mit Hühnchen und Datteln, Datteln, Datteln. Sieben zum Frühstück sollen ewig fit halten. Da wir bei jedem Besuch immer wieder welche bekamen, gingen wir mit der mindestens dreifachen Dosis pro Tag bestimmt auf Nummer sicher.

Datteln, Kaffee, Brotfladen, Honig – hauptsache essen

Es war herrlich, wie unkompliziert und herzlich wir aufgenommen wurden. Und es war toll zu sehen, wie die Sippe sich gegenseitig unterstützt und auch alte und kranke Menschen auffängt. So zum Beispiel Hamide, eine alleinstehende und von Geburt an blinde Frau oder den alten Beduinen, einen lustigen Opi, in seine bunten Tücher gehüllt, der noch immer an einem einige Kilometer entfernten Platz seine Ziegen, Hühner und Rinder hegt und pflegt und dort mit seinem ebenfalls schon betagten Bruder wohnt.
Auch unsere Gastfamilie besitzt viel Land und eine Menge Tiere. Abends begleiteten wir Ahmed und seinen Bruder zum Gehege und beobachteten die Fütterung, die wir bereits am zweiten Tag komplett selbständig übernahmen, während Ahmed seine Schwester zum Abendessen holte und nach dem Kamel mit seinem wenige Tagen alten Jungen sah.
Ahmed scheute keine Mühen, uns auch die Umgebung zu zeigen. Er brachte uns sogar in eine „Heritage“-Area, die gerade für den Tourismus aufbereitet wird. Wir waren die ersten Touristen, die dort jemals einen Fuß hinsetzten. Welch eine Ehre! Wir bestiegen einige Hügel, begutachteten das alte Bewässerungssystem der Oase und bestaunten den Neubau seines Cousins in einem 20 Kilometer entfernten Dorf bei den Eltern von Asna. Ahmeds Vater und seine Großmutter luden uns auf die Sitzdecke in ihrem Hof ein: Datteln, Kaffee, Brotfladen mit Honig, sitzen, reden. Ahmeds Vater ist das Oberhaupt des Stammes. Mit seiner mittlerweile vierten Frau hat er vor sieben Monaten sein 14. Kind bekommen. Alle haben sehr viele Kinder hier. Acht ist keine große Zahl.

So schön es ist, Gast zu sein, so anstrengend wird es mit der Zeit. Man muss wirklich dauernd essen, viel herumsitzen, immer aufmerksam sein und immer lächeln. Das wird, vor allem gegen Abend, wenn man eigentlich ins Bett möchte, schon mal zäh. Nach islamischer Regel sind drei Besuchstage eigentlich verpflichtend. Wir finden, das sollte auf zwei Tage geändert werden. Die Zeit bei Ahmed und Asna war aber wirklich super angenehm, da die ganze Familie sehr unkompliziert war und wir uns ganz ungezwungen bewegen konnten. Bald wird sich bei den beiden auch etwas ändern, sie wollen in die Stadt Al Baraimi ziehen, damit Asna (29) nach der Babypause ihr IT-Studium weiterführen kann und Ahmed, ehemals bei der Armee und wegen einiger Leiden frühpensioniert (mit 33), bei einer großen Firma in Dubai anheuern kann. Viel Glück wünschen wir der jungen Familie.
Es war dann für die schlaffen Muskeln und die vollen Bäuche trotzdem wieder herrlich, auf dem Rad zu sitzen. Wir hatten Muskat ins Visier genommen, da wir dort das Visum für Indien benatragen wollten. Wir hatten gelesen, dass dies durchaus bis zu zwei Wochen in Anspruch nehmen kann und da das Schiff in Dubai ja nicht auf uns warten wird, beschlossen wir, gleich in die Hauptstadt zu fahren, um das Visum einzutüten. Danach hätten wir wieder Luft, um die Bergregionen um Nizwa und Ibri noch eine Weile zu erkunden.
Und so machten wir uns auf auf die fünftägige Fahrt über Yanqul und Miskin nach Rustaq, von dort weiter durch ein herrliches Wadi nach Al Abbiyad und hinein in die Küstenebene nach Muskat.

Die Etappen hatten landschaftlich einiges zu bieten – zackige Bergrücken, rote Sanddünen, karge Weiten, gespickt mit Ziegen und Kamelen.

Und wir fanden durchwegs schöne und ruhige Plätze für unser Zelt. Mal hinter der Hütte eines Bienenzüchters, mal hoch oben auf dem Stadthügel von Rustaq, mal hinter ein paar Hügeln unweit der Straße.

…hoch trohnend über der Stadt!

Da es hier ab 17:30 Uhr sehr schnell dunkel wird, beeilten wir uns immer mit dem Kochen und der Körperpflege aus der eineinhalb Liter Wasserflasche. Meist war um 18:30 Uhr alles gelaufen und wir legten uns ab, da der Wind abends und nachts doch oft ein bisschen auffrischte. So bekamen wir wirklich ausreichend Schlaf und konnten – für unsere Verhältnisse – früh, so gegen 7:30 Uhr, wieder starten. Abends fauchte unser Kocher und erhitzte uns Bulgur und Gemüse für unsere Fladen oder kochte uns die Nudeln weich. Frühstück und Mittagessen genossen wir immer in einem der zahlreichen Coffee Shops, mal mit Sandwich, oft mit Dhal, Vegetable Curry und Parata (indischer Fladen, mit Ghee gebacken), hin und wieder mit Ragnak (Knusperfladen mit Cream-Cheese, Honig und Ei). Immer aber mit Karak, dem würzigen und sehr süßen indischen Tee.
Meist konnten (und wollten) wir die großen Straßen nicht immer vermeiden. Einerseits nervten uns die zu schnellen Autos, andererseits wollten wir auf den guten Teerbelag nicht verzichten. Die Schotterstrecken sind natürlich viel, viel schöner, aber in ihrem Belag sehr wechselhaft. Urplötzlich steht man in tiefem Kies oder Sand und kann nurmehr schieben. Oder es türmt sich eine 15-20%ige Rampe auf, die meist auch nach Schieben verlangt.

Tiefer Schotter – unfahrbar. Fahrrad schieben ist aber auch doof…

Und das ist mit dem beladenen Bike (wir transportieren meist zwischen vier und sechs Liter Wasser pro Nase) doch ziemlich mühsam. Außerdem kann man auf den Schotterstrecken oft nur eher eine Runde fahren und nicht auf Langstrecke. Ein Glück haben die Hauptstraßen fast immer einen sehr breiten Seitenstreifen, dennoch gewöhnt man sich eigentlich nie an das Gefühl, wenn einen Autos mit 100 oder gar 120 km/h passieren.


So erreichten wir nach einer 100 Kilometer-Etappe mit dem Ruf des Muezzins die Hauptstadt Muskat, wo uns der US-Boy Isaac herzlich empfing und wir uns in sein Gäste- und Wohnzimmer im Beduinenstil einquartieren konnten. Nach zwei Tagen kam noch Yuki aus Japan hinzu und so hatten wir immer genug zu quatschen und kochten abends mal allgäuerisch (Kässpatzen, zusammen mit Marco aus Bayern), mal thailändisch (Vegetable-Ginger), mal japanisch (Okonomyiaki). Yuki ist ein ganz Lieber. Morgens steht er immer ein bisschen früher auf und zaubert japanisches Frühstück. Wir fühlen uns äußerst wohl hier!