Puh, ein gewisses Schlafdefizit hat sich doch aufgebaut. Und ganz soooo heiß ist es im Zimmer dann doch nicht, als dass sich da nicht ein bisschen ausschlafen ließe. Durch ein halb geöffnetes Auge erkennen wir, dass sich die britischen Mädels richtig hübsch machen – mit Kleid und allen Schikanen. Ah klar, ist ja Pfingstsonntag und die gehen sicher in die Kirche oder auf eine Prozession. Gut so. Wir schlafen noch ein bisschen…

Als sie zurückkommen stehen wir dann auch schon auf und wir erfahren, dass sie nur frühstücken waren (ob es im Hostel eines gibt, wissen wir bis heute nicht, aufgrund des günstigen Preises für das Zimmer haben wir beschlossen, dass es nicht sein kann). Wir schwingen uns auf die Räder und rollen Richtung Innenstadt. An der Kathedrale finden wir in einer netten Bar bei cortado und croissants in denTag. Eigentlich haben wir nicht die geringste Lust unseren Muskeln einen Anstieg anzutun – ist doch so schön, durch die Straßen zu rollen und zu gucken. Aber als wir eben so an der Abzweigung zum Olympia-Gelände stehen, biegen wir kurzerhand ab und nach 10 Minuten bergauf Strampeln erreichen wir einen “mirador” und atmen bei einem Schluck Leitungswasser auf einer der Bänke im Schatten tief durch. Ein kurzer Blick auf die Infotafel macht uns schnell klar, dass wir noch ein bisschen weiter bergan radeln müssen. So erreichen wir das Kastell de Montjuic, in dem die Bogenschieß-Wettkämpfe 1992 stattfanden und wo wir heute froh sind, nicht von den Teilnehmern des “City-Chase 2009” durchbohrt zu werden. Wir nehmen die Abfahrt über die Rückseite und staunen nicht schlecht, als wir durch Jamaika zu kommen scheinen. Sonnenschirme, good Vibes, Grillage, Bier und eine Menge relaxter Leute. Wow, so gemütlich, da können nicht mal wir widerstehen. Wir lassen uns im Schatten der Bassboxen nieder und der stramme Barcelona-Wind weht uns in den Haaren. Den Grillteller verschmähen wir und entscheiden uns weltmännisch für die “Potatoes” (natürlich vom Grill!!), die letztlich als schnöde Chips aus der Tüte daherkommen. Das tut der Stimmung aber keinen Abbruch, hält im Gegenteil die Kalorienbilanz für spätere Tapas-Attacken in erträglichem Maße.

Ein paar Chips haben uns angefixt – Tapas müssen her und ohne lange Suche finden wir unsere “Kette” wieder, wo wir uns bei Sangria und leckeren Brötchen im Schatten niederlassen. Ach, was braucht man mehr? Vielleicht halbscharige Quetschenspieler, die erst auf persönlich, dann auf Schnorrer und schließlich auf beleidigt machen. Dann doch lieber einen Studenten jenseits des Studentenalters mit brauner Jensmähne, ebensolchen stimmlichen Fähigkeiten und einer lustigen Art ob seiner mutigen Performance unterstützen. Die Zeit rennt und wir dürfen nicht zu viel essen, schließlich haben wir für 20 Uhr einen Tisch im “hippen” Agua am Strand in der Passeig Maritim 30 reserviert. Meine Mutter hat per SMS einen brandheißen Tipp aus dem Rucksackradio bei B1 verlauten lassen und wir haben es auf den Versuch ankommen lassen.

Und es hat sich gelohnt. Nicht leicht einen Tisch zu bekommen. In netter Atmosphäre, von einem ganz aufmerksamen und coolen Team souverän bewirtet, fühlen wir uns richtig wohl und lassen uns diverse Fischgericht zu einem mehr als anständigen Fläschchen Wein schmecken. Man will gar nicht mehr gehen. Die Tische sind voll, es brodelt das Leben, ganz großes Kino!

Bevor wir mit der zweiten Flasche Wein unter den Tisch sinken zu drohen, zahlen wir lieber und rollen im letzten Abendlicht, vorbei an den zwielichten Gestalten der Strandpromenade ins Barri Gotique. Hier muss es doch noch ein Gläschen Wein geben. Und jawoll, das sieht doch authentisch aus. Eine Käsewolke drückt uns zwar fast wieder zur Tür raus, doch wir bleiben hart und schieben an die Bar. Mit Tränen in den Augen bestellen wir zwei Rote. Der Chef trennt sich nur ungern von seinem iPhone und dem darauf laufenden Spiel, doch er gießt uns 2 Gläschen ein. Gar nicht übel der Tropfen. Im Hintergrund hält sich ein langhaariger Bombenleger im XXL-Format an den Wänden fest und belegt mit der anderen Hand Teller mit Wurst und Käse. Müssen Köstlichkeiten sein, doch kommen bei der Darbietungsform keine großen Gelüste auf. Aber es ist in jedem Fall sehr authentisch. Und ist es nicht das, wonach wir gerne suchen?

Es ist nun doch schon etwas später und wir machen uns auf den Heimweg. Unterwegs wohnen wir der Flucht eines Diebes noch live bei, von der Verfolgung dieses hält mich Katrin aber (gottseidank) ab. Wir schlendern über die Ramblas nach Hause. Zu unserem Entsetzen sind unsere Zimmergenossinnen schon wieder da! Es ist ziemlich schwül im Zimmer und wir noch immer nicht müde. Also schnappen wir uns den Wein und setzen uns unten auf eine Bank um das nächtliche Treiben auf dem Passeig Gracia zu verfolgen. Und wir werden nicht enttäuscht. Immer neue Gestalten bringt das nächtliche Barcelona hervor. Nicht zuletzt einen “Bierverkäufer”, dem wir aus Mitleid ein Bierchen abkaufen (und wir müssen den Preis noch von 2 auf 1 Euro drücken). Beim Bezahlvorgang fragt er “Haschisch, Kokain?” und wir sind wieder um einen Naivitätspunkt ärmer! Bierverkäufer, als könnte man davon leben. Hallo!?! Im Verlaufe des lustigen Bankdrücker-Abends entdecken wir noch viel mehr “Bierverkäufer” und lockere Platten im Pflaster mit lustigen Plastiktüten darin. Allerdings stehen immer so unlustige “Bierverkäufer” daneben, so dass wir auf das Heben dieser Platten im Sinne der allgemeinen Sicherheit gerne verzichten. Als sich die Straßen leeren, Katrin dem weißbärtigen Flötenspieler noch ein Euro inklusive dem Anhören einer Privataudienz gespendet hat, gehen wir auch – im Interesse der allgemeinen Sicherheit –aufs Zimmer. Ein lustig-verrückter Abend in Barcelona ist zu Ende.