30.03.-01.04.2010 (m) Faehre Shanghai (Chn) – Osaka (Jp)

Wir konnten uns ja nun wahrlich lange genug darauf einstellen, dass wir China heute erst mal für längere Zeit verlassen werden. Dennoch drängelt dieses komische Gefühl „Abschied“ aus dem Bauch heraus und während wir durch die Gassen der Shanghaier Altstadt Richtung Fähranleger radeln, laufen lauter kleine Filmchen von den zahlreichen schönen Erlebnisse der vergangenen Monate in unseren Köpfen ab. „Ein letztes Mal“ vorbei an den dampfenden Garküchen, „ein letztes Mal“ das Müll-Fahrrad überholen, „ein letztes Mal“ dem Spucken ausweichen, „ein letztes Mal“ in die lächelnden Gesichter blicken, und, und, und…es füllen sich einem fast die Augen mit Salzwasser. Mit einem „wir kommen wieder“ wischt man solche Gefühle am einfachsten weg. Und sofern wir in Zukunft die Gelegenheit bekommen, das Reich der Mitte wieder besuchen zu können: Wir werden es tun!

Der Himmel ist grau an diesem Morgen und es bläst ein kalter, strammer Wind. Am Huangpu entlang fahren wir flussaufwärts und genießen nochmal Shanghais Skyline. Auch ohne blauen Hintergrund mehr als einen Blick wert. Den Weg zur Fähre kennen wir ja schon von gestern und so erreichen wir das Terminal ziemlich entspannt um deutlich vor der avisierten Zeit bereits um 8:30 Uhr. Menschenmengen tummeln sich mit Kofferbergen am Eingang des Gebäudes: Hier sind wir richtig. Aufgeregte chinesische Arbeiter stürmen sogleich auf uns zu und gestikulieren wild herum. Offensichtlich geht es um die Fahrräder, die nicht mit in die Passagierräume genommen werden dürfen. Diese müssen extra eingecheckt werden. Nicht unpraktisch, jedoch muss dieser zusätzliche Service mit je 25 Euro vergütet werden. Überraschenderweise gibt es sogar Trolleys, so dass wir ausnahmsweise mal ohne die ganz große Schlepperei zu einem Transportmittel gelangen. Zwei „Durchleuchtungsgeräte“, die „Terminal-Gebühr“ und die Passkontrolle sind noch zu überwinden, ehe wir mit vielen Chinesen und Japanern, aber auch mehreren Westnasen (Frankreich, UK, Kanada, Mexiko) vor einem Bus stehen, der uns zur Fähre bringt. Es sind nur ein paar hundert Meter. Eine steile Treppe führt hinauf zum Eingang, die vorerst letzten Schritte auf chinesischem Boden und schon werden aufs herzlichste vom Bordpersonal empfangen und flugs auf die gebuchten Räume verteilt. Da wir nicht genau wussten, ob wir die Räder im Gepäckraum unterbringen, haben wir taktisch gebucht. Ein teureres Einzelzimmer (für Gepäck und Räder und 1 Person) und ein Dormitory (Matte auf dem Fussboden in einem großen Raum). So ergab sich ein ordentlicher Mischpreis. Und – zu unserer großen Freude – entpuppt sich das Einzelzimmer als sehr großzügig (mit Sofa und recht breitem Bett), so dass wir dieses gemütlich zu zweit beziehen können und Katrins Schlafplatz im unteren Bereich leer bleiben wird…Überhaupt macht das Schiff einen gemütlichen Eindruck: Es gibt am Bug einen Lese- und Ruheraum, zwei Restaurants, Spielzimmer, Aufenthaltsbereiche mit Sofas und Sesseln, eine Tischtennisplatte und sogar eine Wii-Konsole, die rege genutzt wird.

Mit zweistündiger Verspätung schleppt uns ein kleines Schiff in die Spur und wir cruisen an der Skyline vorbei den Huangpu-Fluss entlang, der schon bald in den Jangtse mündet. So treffen wir den alten Bekannten, den wir ja schon in Yunnan getroffen haben, nocheinmal wieder. An dieser Stelle ist er sehr mächtig, breit und sein Wasser tiefbraun. Wir passieren riesige Industrieanlagen, während wir im Ruheraum sitzen oder uns an Deck die stramme Brise ins Gesicht blasen lassen. Aus dem Abendessen à la carte wird nichts, da man uns unbedingt das Set-Menu schmackhaft machen will. Offenbar sind zu viele Passagiere an Bord, so dass es der Küche kaum möglich wäre, allen Wünschen nachzukommen und so gibt es „friss oder stirb“ nach Kantinenart. Schmeckt, wenn auch nicht berauschend. Wir plaudern noch ein wenig mit Owen, einem jungen Taiwanesen, der für ein Jahr nach Japan geht, um dort zu arbeiten und mit seinem Faltrad und einem Anhänger Hokkaido beradeln möchte. Er ist ein lustiger Kerl und wir unterhalten uns nett. Er hat auch schon Deutschland bereist und so hören wir wieder einmal die Lobeshymnen über das bayerische Bier. Leider kann ich mich derzeit kaum noch daran erinnern, wie es eigentlich schmeckt!? Na, ein paar Monate werde ich auf das erste Glas ja noch warten müssen.

Eine größere Gruppe verzieht sich in die Karaokebar, andere vor die Glotze (Avatar) und wir in unser Kabinchen, wo wir uns einen Film vom iPod (den ich vorsorglich für die lange Überfahrt vor drei Wochen schon geladen hatte) ansehen. Tollerweise befindet sich ein Fernseher neueren Modells im Zimmer, so dass wir den kleinen Spieler daran anschließen können und einen richtigen Kinoabend verleben. Obwohl wir uns ja körperlich heute nicht sehr belastet haben, verspüren wir gegen Mitternacht dann doch etwas Müdigkeit und wir sinken in den Schlaf. Dieser wird jedoch häufig unterbrochen, da einerseits die Klimaanlage viel warme Luft produziert (und sich nicht regeln lässt) und andererseits das Erreichen des offenen Meeres für eine deutliche Zunahme des Wellengangs sorgt. Es fühlt sich ein bisschen an wie starke Turbulenzen und „Luftlöcher“ im Flugzeug. Im Liegen lässt es sich jedoch ganz gut ertragen, so dass uns zumindest nicht schlecht wird. Erholsamer Schlaf sieht aber dennoch anders aus.

Am nächsten Morgen ertönen gegen 7 Uhr die Lautsprecher, die auf das kostenlose Frühstück hinweisen. Katrin fühlt sich im Liegen am Besten, ich habe aber etwas Hunger und will außerdem auf Deck mal den Wellengang und die Wettersituation überprüfen. Ich schwanke also durch das Innere des Schiffes und stelle fest, dass außer mir nicht viele Leute auf sind. Einige hängen leidend auf den Sitzmöbeln herum, andere sind wohl auch gleich in der Falle geblieben. Die blauen Kotztüten finden aber offenbar reißenden Absatz. Ich frühstücke die labbrigen Brötchen mit Marmelade und Butter und spüle diese mit saurem Kaffee und Dosenmilch herunter. Na, einem geschenkten Gaul…und so weiter. An Deck präsentiert sich mir ein grauer Himmel und starke Windböen, die die See aufpeitschen. Überall sind weiße Schaumkrönchen zu sehen. Die Wellenberge kommen aus Süden, bauen sich also seitlich zum Schiff auf und bringen dieses zum „Rollen“. Ich bin selbst überrascht, dass mir das so wenig ausmacht, hatte ich mich doch als eher seeuntauglich, als Landratte, eingestuft. Vielleicht habe ich aber im Moment auch nur eine gute Phase. Die Seekrankheit kann ja sehr rasch auftreten und sogar Seefahrer, die jahrelang in selbige stechen plötzlich von den Socken holen. Mit dem Erreichen der japanischen Inlandssee rechne ich (nach Konsultation meines GPS) am späten Nachmittag und da sollte sich das Wasser durch die geschützte Lage wieder soweit beruhigen, dass ein ordentliches Abendessen auch „drin“ bleibt.