01.04.2010 (k) Osaka

Aufstellen zum Temperaturmessen – und zwar der Reihe nach, so wie es die Nummer auf der  Temperaturkarte, die wir gestern bekommen haben, vorgibt. Auf zwei Stockwerken der Fähre stehen also alle Passagiere in Zweierreihen bereit, und dann öffnen sich die Tore der Fähre und sie kommen: in Anzügen, mit weißen Handschuhen und Mundschutz stürmen ca. 16 Japaner unser Boot. Die Massenmessung beginnt. Ich habe Nummer 222 und etwas Angst, man könnte mich in Quarantäne stecken, denn wir beide haben uns wohl in der Kälte Shanghais eine Erkältung eingefangen, alles ist etwas verschleimt und der Hals ist dick. Wer über 37° hat, darf das Schiff nicht betreten, hieß es, da hatte ich ja wenigstens Glück, wobei der Temperaturmesser beim Betreten der Fähre allerdings beim Ablesen gestern auch kurz innehielt. Und nun hab ich es auch geschafft, denn ich erhalte den gelben „sie dürfen das Schiff verlassen, aber wenn sie innerhalb der nächsten Woche Halsweh, Husten oder Sonstwas kriegen, melden sie sich bei der Quarantäne“-Zettel. Ja, geht klar. Über die Gangway schleppen wir uns zur Immigration. Beide Zeigefinger werden eingescannt und wir erhalten die Erlaubnis für einen 60-tägigen Aufenthalt in den Pass geklebt. Zur nächstgelegenen U-Bahnstation „Cosmosquare“ sind es zu Fuß 10 Minuten. Wir bauen die Räder auf und schlendern dann zusammen mit Marie aus Frankreich, die vorhat, in Japan einen Job zu finden, um nicht (so schnell) zurück nach Frankreich zu müssen, dorthin. Bei einem 7Eleven (Conveniance Store)  trennen sich unsere Wege. Wir heben erst einmal Geld ab und verköstigen uns mit Sandwiches und Kaffee. Heute Abend werden wir eine Couch surfen. Schon länger sind wir in der „Community“, doch bisher haben wir noch bei niemandem übernachtet. Wer es nicht kennt: www.couchsurfing.org. Wir haben uns bei Shiji angekündigt, einem Chinesen, der seit 3 Jahren in Japan lebt. Er muss aber bis 18 Uhr arbeiten, weshalb wir es nicht eilig haben und uns die Zeit bis dahin in der Stadt vertreiben können. Wir fahren mit der U-Bahn (die verpackten Räder dürfen wir mit hinein nehmen) in die Stadtmitte und möchten es uns in einem Café gemütlich machen, denn mit dem ganzen Gepäck die Stadt zu besichtigen, haben wir auch keine Lust. Das Café liegt in einem kleinen Einkaufszentrum und wir würden gerne die Räder gepackt an der Scheibe parken, damit wir sie im Blick behalten können. Dem uniformierten Wachmann mit weißen Handschuhen zeigen wir unsere Räder und machen ihm verständlich (Englisch kann er nicht), was wir möchten. Es läuft auf einen Kompromiss hinaus. Wir können zwar keinesfalls die Räder in diese saubere Passage schieben (wobei unsere Räder mindestens genauso blitzen, wie die Glasscheiben hier), aber wir könnten ja das Gepäck mit ins Café nehmen und die Räder außerhalb, um die Ecke hinstellen. So machen wir es. Die Fahrräder stehen jetzt nicht auf der Straße, aber zwischen U-Bahn-Bereich und Einkaufspassage, wir sehen sie auch nicht, aber jetzt sind sie ja abgesperrt. Sie stören dort zwar niemanden, aber ich glaube auch, sie sind nicht korrekt geparkt. Wir beobachten, wie die Wachleute ständig abgelöst werden. Wahrscheinlich drehen sie immer feste Runden und übergeben ihren Posten laufend. Bei einer Übergabe wird der neue Wachmann immer gleich in die „Radgeschichte“ eingeweiht und er wird zu Ecke geführt, wo sie stehen. Das geht so eineinhalb Stunden gut und ich drehe derweil sogar eine kleine Runde in der Umgebung, bis es genug zu sein scheint. Zu zweit treten sie bei einer erneuten Wachablösung zu uns ins Café und der ältere der beiden bringt sogar einen englischen Satz heraus: „You have to move“ – „O.k.“, sage ich, „in five minutes“ – „no, now!“ ist die Antwort. Sie machen es dringend. Wer weiß, vielleicht haben sie Angst, die Räder oder unsere Gepäckstücke könnten jeden Moment in die Luft fliegen. Wir packen brav zusammen und gehen. Wollen ja nicht gleich am ersten Tag in Japan einen Konflikt auslösen und schon gar nicht, ohne die Sprache zu können. Osakas Innenstadt lässt sich gemütlich beradeln – breite Radwege säumen die Straßen, es wirkt nicht sonderlich hektisch hier und auch nicht sonderlich großstädtisch. Auf dem Weg nach „Umeda“, dem Stadtteil von wo wir zu unserem Gastgeber per S-Bahn fahren können, durchstöbern wir die Buchläden nach Japankarten mit lateinischen Buchstaben oder zumindest einem Straßenatlas, in dem die Campingplätze verzeichnet sind. Denn in diesem Land gibt es wohl über 3000 dieser Plätze und angesichts der Preise für eine Unterkunft (ca. 25 Euro pro Nase in einem Jugendherbergsschlafsaal, ab 70 Euro für ein Doppelzimmer, wenn man Glück hat) ist es uns schon wichtig zu wissen, wo wir die Möglichkeit zu zelten haben. In einem Laden wird Molle nach langem Stöbern fündig: er fischt einen englischsprachigen „Road Atlas Japan“ im Maßstab 1:250 000 heraus. Das ist doch schonmal was – es sind zwar keine Campingplätze verzeichnet, doch es ist schon perfekt, überhaupt die Städtenamen lesen zu können. Als es dämmert, machen wir uns auf zur Umeda Hankyu Station, von der die Hankyu Linien (private Züge, die Osaka mit Kyoto und anderen Orten in der Umgebung verbinden) abfahren. Fünf Stationen sollen es sein bis zum Ortsteil, wo Shiji wohnt. Mittlerweile scheint die Rushhour begonnen zu haben. Von überall her strömen Menschen zu den Linien. Nach längerem Suchen auf der Anzeigetafel habe ich die Linie, mit der wir zu Shiji kommen, gefunden. Das Bezahlsystem haben wir ja auch schon durschaut. Man wirft einfach den fälligen Betrag (steht als Zahl bei jeder Station auf der Übersicht dabei) in den Automaten und der spuckt die Fahrkarte dieser Wertigkeit aus. Ich werfe noch einen Blick in den Supermarkt, dessen Ausstattung von Lavazza bis Nutella reicht, um vielleicht einen Wein als Mitbringsel zu kaufen. Doch unter 8 Euro ist keine Flasche zu haben – und wer weiß, ob Shiji überhaupt Wein mag – in China ist das ja nicht das verbreitetste Getränk. Als Molle sein Gepäck aufschultern will, erleidet er beinahe einen Schwächeanfall. Er ist etwas käsig und zittert. Besser warten wir noch, nicht dass einer von uns unter der Last zusammenbricht. Wir setzen uns auf die Stufen und sehen den um uns herum wirbelnden, stummen Leuten zu. Mit einer Cola und etwas Schwarzbrot aus oben erwähntem Supermarkt peppe ich Molle wieder auf. Eine Analyse hat ergeben, dass er außer 5 Tassen sauren Kaffees über den Tag verteilt nichts getrunken hat. Na, da kann man schon mal ein Zipperlein kriegen. Als es wieder geht, wagen wir es. Es nicht allzu weit bis zum Gleis und wir quetschen uns in einen der Züge mit der Endstation „Karawachi“. Auch wenn wir ziemlich blöd im Weg stehen, sagt keiner der Japaner was. Geduldig ertragen sie die abendliche Belästigung. Als der Zug zwei Stationen, die eigentlich auf der Linie eingezeichnet sind, überspringt, schwant uns etwas. Wir analysieren die bunten Farben und Linien auf der Tafel im Zug genauer und finden heraus, dass wir uns im Rapid-Express befinden. An der von uns auserwählten Station wird der Zug nicht halten. Und auch nicht an der nächsten. Und auch nicht an der übernächsten. Es gibt also für eine Linie nochmals 5 unterschiedliche Züge, wie wir sehen. Wie wenn es in München beispielsweise für die S1 noch fünf verschiedene Geschwindigkeitsstufen gibt, die nur bestimmte Haltestellen anfahren. Das kann man wohl erst durchschauen, wenn man wie wir, mehr als doppelt so weit gefahren wird. Als wir in „Ibaraki“ endlich aussteigen können, denken wir, wir können vielleicht doch einfach „unten durch“ und das Stück zurückfahren. Unten sehen wir jedoch eine Nachzahlmaschine und die Ausgangschranken. Wir löhnen nach und passieren die elektronischen Tore. Nur, um „draußen“ zu realisieren, dass das der Ausgang ist und es zum anderen Gleis einfach innerhalb geradeaus gegangen wäre. Wir kaufen also, um wieder hinein zu kommen neue Fahrkarten und betreten das Gleis für die Rückfahrt. Völlig sinnlose Aktio
n. Anfänger halt! Kleine Provinzler im pulsierenden Japan. „Local“ ist der langsamste Zug der Hankyulinie. Er hält überall. Er bringt uns zur gewünschten Station. Von dort fragen wir uns zu Shijis Adresse durch, die ebenso hyroglyphisch zu sein scheint. Ein Stadtbezirk und dann 4 Zahlen. Wir quatschen einen Mann an, der gerade von Einkaufen kommend sein Rad besteigt. Wir haben Glück, er wohnt im gleichen Bezirk. „Go together“ sagt er, und wir folgen ihm. Wir haben den Eindruck, durch ein Dorf zu fahren. Alle Straßen sind schmal, die meisten Leute sind mit dem Fahrrad unterwegs, niedrige Häuser stehen überall eng aneinandergebaut. Die dicken, vorwiegend weißen Autos schieben ihre Nasen aus den Garagen, für die sie zu groß sind. Unser netter Begleiter weiß zwar nicht ganz, wo Nummer 14 ist, denn er wohnt in 36 – doch er holt sich die Infos per Telefonat (mit wem auch immer) und liefert uns an der gewünschten Adresse ab. „… so you best come after 6“ hatte Shiji geschrieben. So getan, es ist halb neun, als wir klingeln. Shiji, der 31-jährige Chinese empfängt uns freundlich und wir schleppen gemeinsam unser Zeug in den dritten Stock. Seine Wohnung hat drei Zimmer, eine Küche und ein Plastikbad (die Wände zumindest). Dem ersten Eindruck nach sieht es hier aus wie in einer männlichen Studenten-WG. Nicht sonderlich sauber oder aufgeräumt, voller Bücher, der Küchentisch belegt. Laut seinem Profil hat Shiji allerdings eine Frau und eine einjährige Tochter – diese sind aber zurzeit auf Chinabesuch bei den Großeltern, wie er uns im abendlichen Gespräch erklärt. Wir bekommen sogar ein eigenes Zimmer mit einem großen Bett – Shiji schläft im Nebenraum auf dem Boden – aber nicht wegen uns, sondern weil das das Schlafzimmer der Familie ist – ein Mattenlager am Boden: „Japanese Style“. Obwohl er schon gegessen hat, dreht Shiji mit uns noch eine Runde durchs Viertel. Er führt uns zu einem Stand, an dem es Osakas Spezialitäten gibt: Nudeln mit Weißkohl und Schweinefleisch – wahlweise Tintenfisch – und einen großen gebratenen Fladen aus Kraut und dünnen Fleischstreifen, zusammengehalten durch einen Eierteig. Ein Osaka-Rösti sozusagen. Diese erste Begegnung mit der japanischen Küche ist schonmal vielversprechend. Plaudernd führen wir unseren Spaziergang fort, hin zum Fluss, einen Blick auf die glitzernde Stadt auf der anderen Seite werfend, hin zum Supermarkt, der günstiger sei als der Conveniance-Store, denn der sei ja eben „conveniant“ (24 Stunden geöffnet) und daher etwas teurer. Gut dass wir nun bei Shiji sind, da können wir noch einiges lernen – wir Japan-Anfänger.