16.05.2010 (k) Fähre von Incheon nach Dalian, Zug nach Shanhaiguan

Als wir gestern kurz vor dem Zubettgehen nochmal aus unserem Kabinenfenster blickten, sahen wir das Meer wie einen Spiegel daliegen. Nicht die kleinste Kräuselung war auf der Oberfläche erkennbar. Und so blieb es auch die ganze Nacht über. Der Schlaf war so gut und ungestört, dass man glatt beim Aufwachen einen Moment überlegen musste, wo man war. Zum Frühstück haben wir Fertigsuppen dabei, die wir mit Wasser aus dem Heißwasserbehälter aufgießen. Da wir in Korea nicht mehr dazu gekommen sind, ein „Porridge“ zu probieren (ich weiß zwar nicht, warum Porridge eine koreanische Spezialität sein soll, es wird aber überall als diese angepriesen), habe ich auch ein Päckchen Aufgießporridge gekauft. Doch die Pampfe, die innerhalb weniger Sekunden entsteht, kann man höchstens an gebisslose Menschen mit grenzdebilem Geschmack verfüttern. Nichts für uns, das koreanische Porridge – zumindest nicht in dieser Retortenform. Gut eine Stunde vor der offiziellen Ankunft (9.30 Uhr chinesischer Zeit) fahren wir schon in den mächtigen Hafen von Dalian ein, was jedoch für die Passagiere noch nichts bedeutet. Wir warten gemütlich in unserer Kabine, doch einige besonders Ungeduldige verstellen bereits wieder mit ihren Monsterkoffern die Gänge und drängeln ein bisschen herum. Manche können wohl einfach nicht genug bekommen von den Körpern und Geräuschen anderer Menschen. Um 9:15 Uhr klopft es an unserer Türe und wir werden von zwei lächelnden Stewardessen zum Gehen eingeladen. Sie führen uns vorbei an den Wartenden, die uns die Richtung weisen, was so rüberkommt wie: jetzt schaut, dass ihr rauskommt, ihr Bonzen, damit wir auch endlich loskönnen. Das war also der dritte Vorteil der ersten Klasse, dass wir uns nun nicht das Schiff hinabdrängeln müssen. Und der vierte folgt logischerweise sogleich: an den Einreiseschaltern ist noch nichts los und nach wenigen Minuten haben wir die Passkontrolle, die Gepäckdurchleuchtung und den Zoll durchlaufen. Ist zwar ein wenig ein blödes Gefühl, so eine bevorzugte Behandlung, doch als wir vor 10.00 Uhr draußen auf der Straße stehen, sind wir trotzdem froh darüber. „Huochezhan zai nar?“, frage ich den erstbesten Passanten, ein milde lächelndes Männlein um die 60. Zuerst wehrt er ab: „Ting bu dong“, doch als ich noch zwei Aussprachevarianten des Wortes Bahnhof nachschiebe, habe ich wohl mit einer den hiesigen Dialekt getroffen und wir werden in die passende Richtung geschickt. Über die Stadtautobahn kommen wir ins richtige Viertel und haben nach nochmaligem Fragen den Bahnhof von Dalian gefunden. Ich kaufe zwei Karten nach Shanhaiguan, doch ich schaffe es nicht, nach verschiedenen Klassen zu fragen, ich bekomme sofort die Holzklasse ausgehändigt. Eigentlich haben wir aber auf 8 Stunden Holzklasse gar keine Lust und wollen auch zwei Stunden früher fahren, als auf den Tickets verzeichnet. So versuche ich mein Glück am Informationsschalter und stoße auf offene Ohren. Das junge Mädel darin kann hervorragend Englisch. Sie sucht sich schnell einen Ersatz für ihren Posten und begleitet mich dann hinüber in den Südtrakt des Bahnhofs, wo die Karten für die moderneren Züge verkauft werden. Ich erfahre, dass es gar keine Weichsitzenklasse gibt und entschließe mich für den Kauf von Liegeplätzen. Zuerst möchte ich auf Nummer sicher gehen und drei Tickets erstehen – eine Liege für die Räder. Doch es sind in einem Waggon nur noch zwei erhältlich und so nehme ich die. Bin ich froh, dass das Informationsfräulein alles zu meiner Zufriedenheit regelt. Die Verkaufsstelle hier hätte ich wohl genausowenig gefunden wie irgendeine der vielen Rückfragen wegen der Tickets verstanden. Da hilft nur weiterlernen, wenn ich zu Hause bin.

Die zwei Stunden bis zur Abfahrt überbrücken wir noch mit Mittagessen und ein wenig Herumkurven. Der Zug mit über 20 Waggons fährt bis Shanghai. Die Tatsache, dass er so groß ist, ist heute unser Vorteil. Schon eine Dreiviertelstunde vor Abfahrt dürfen wir auf den Bahnsteig. Also kein hektisches Rennen heute. Beim Einsteigen dann wieder das Glück: Pro Waggon ist immer nur die eine Tür geöffnet, an der der zuständige Schaffner steht. Hat man allerdings die erste Kabine des Waggons, so wie wir, muss aber ganz am Ende einsteigen, schleppt man sich an allen Leuten vorbei, obwohl die nächste Türe ja fast neben dem Abteil läge (gehört aber zum anderen Waggon). Mit dem Gepäck machen wir es noch so – mit den Rädern nicht. Wir fragen einfach freundlich und dürfen tatsächlich die Tür des nächsten Waggons benutzen und abkürzen. Mit vereinten Kräften hieven wir die verpackten Räder auf die oberste Liege, so dass sie knapp unter der sowieso viel zu stark pustenden Klimaanlage klemmen.  Geschafft. Jetzt kann uns doch eigentlich keiner mehr was, denken wir. Der junge Schaffner läuft zweimal vorbei und blickt nach oben, doch er sagt nichts. Als wir dann losgefahren sind, kommt er und fragt, was denn in den Taschen sei. Als er von den Rädern erfährt, meint er, es sei zu gefährlich und wir sollten sie doch einfach vorn in den Gang in die Nische der Tür stellen, die sowieso nie geöffnet wird. So machen wir es dann auch. Wieder einmal fällt auf, wie willkürlich das Radmitnehmen im Zug weltweit gehandhabt wird. Mal stellen wir die Räder in so eine Ecke und der Schaffner will mit Gewalt, dass sie unter die Sitze gestopft werden; mal buchen wir eine extra Liege, damit wir ja nicht Gefahr laufen, nicht mitzukommen, mal wird man aus einem leeren Zug hinauskomplementiert und mal läuft es so leicht wie heute. Der zweite junge Schaffner vom Nebenwaggon kommt sogar auf ein Gespräch vorbei. Er erzählt, dass er auch so gern Rad fährt und bittet darum, die Räder genauer ansehen zu dürfen. Ich öffne ihm die Taschen und er inspiziert alles begeistert. Die tollen Shimano-Teile, die dicken Reifen, die vielen Gänge. Warum sind nicht alle Schaffner Radfreunde?

Die Zugfahrt ist angenehm und vergeht recht schnell. Um 19.00 Uhr steigen wir in Shanhaiguan aus und bauen mal wieder unter den interessierten Augen einiger Zugpassagiere (Aufenthalt 10 Minuten) am Bahnsteig unsere Esel auf.  Am Bahnhofsvorplatz warten ein paar Taxi- bzw. Autoeifahrer, die uns sagen, dass das gegenüberliegende Hotel keine Ausländer aufnimmt und sie uns aber zu einem bringen könnten, das welche beherbergen darf. Doch ein paar chinesische Sätze und Erklärungen aus meinem Mund genügen, dass sie uns einfach nur fröhlich lachend verabschieden. Ein paar hundert Meter weiter steht ein Business Hotel an der Ecke, das wenig später zwei Gäste mehr zählt. Eine Hochzeit ist gerade zu Ende. Ein sturzbetrunkener, korpulenter Mann schleudert durch die Lobby, stattet dem Steinboden mit einem Knall einen Besuch ab und wird wieder hochgehievt, ein sonnengegerbter Roadie mit Militäranzug und Skibrille verlädt die Boxen auf sein Transportmotorrad und zwischendrin versucht eine fuwuyuan mit dem Mopp, den Boden so glänzen zu lassen wie das Meer letzte Nacht. Da fällt mir ein: heute lief alles glatt.