27.03. – 30.03.2010 (k) Shanghai

Wie komisch das ist. Nun sind wir in Shanghai. Wieder einmal holt uns die Zeit ein und wir können es nicht glauben. Aber wir wollen nicht jammern, denn noch geht es nicht nach Hause, noch liegen neue Erlebnisse in der asiatischen Welt vor uns. Dennoch ist uns klar, dass wir überübermorgen dieses Land auf unbestimmte verlassen werden. Und da wir es sehr liebgewonnen haben, wird uns das nicht leichtfallen. Je länger die Reise dauert, desto mehr kommen wir uns vor wie ein alter Mensch. Nicht, wegen der physischen Verfassung, sondern wegen der Gedanken: am Anfang lag alles vor uns, es gab nur die Zukunft der Reise und Pläne und Ziele. Mit den Monaten gibt es auch viele Erinnerungen und somit die Vergangenheit. Und selbst wenn die toll sind, so sind es doch Dinge, die zurückliegen. Dieser Block wird immer größer und der zukünftige kleiner. Das stimmt hin und wieder sentimental.

Doch heute ist dafür keine Zeit. Wir müssen zunächst unsere Fahrräder am Bahnhof abholen. Wir sind froh, als wir sie ausgehändigt bekommen, denn gestern hat uns Xiaobo noch übersetzt, was auf dem Abholschein steht, und dort war unter anderem zu lesen, dass das Gepäck innerhalb der nächsten 5 Tage zur Abholung bereit wäre. Uns schwante schon ein neuer Fahrradkauf in Japan. Aber, es hat wieder einmal alles reibungslos – na, beinahe, nur Molles Rückspiegelhalterung ist leider abgebrochen – geklappt. Bis zu unserem neuen Hotel im Zentrum sind es 14 Kilometer, die wir radeln. Die breiten Straßen sind wenig befahren und haben darüber hinaus einen breiten Seitenstreifen. Nie im Leben hätte ich es mir so einfach vorgestellt, in eine 17 Millionen Stadt hineinzuradeln. Die großen Wohnkomplexe stehen weitläufig, die Sonne rückt sie ins rechte Licht und mit zunehmender Nähe zum Zentrum sehen wir auch modernere Bauwerke am Himmel kratzen. Es ist so dermaßen entspannt, hier zu radeln, dass ich fast sagen würde, durch Sonthofen zu fahren ist aufregender und gefährlicher.

Unmittelbar an der Grenze zur Altstadt, deren flache Bauten einen interessanten Kontrast zu den Riesen bilden, stehen wir vor einem Hochhaus, das aussieht, wie ein alter Wohnkomplex. Laut Adresse ist dies jedoch unser Hotel und ein Schild am Eingang bestätigt dies auch. Das Rayfont Hotel Nangpu zeigt sich innen modern-edel und unser Deluxe Doppelzimmer wartet mit einer gelungenen Einrichtung samt Internet und Regendusche auf. Da hat der Investor wohl ein Wohnhaus gekauft und umfunktioniert, der Balkon an jedem Zimmer rührt noch aus dieser Zeit.

Ein abendlicher Bummel durch die Altstadtgassen zeigt uns wohl den chinesischsten Teil Shanghais, bevor wir zufällig ein leckeres Restaurant finden, das sich sehr über unser Erscheinen freut und uns mal wieder mit einer neuen Variante der scharfen, frittierten Kartoffelraspel verwöhnt. Danach lassen wir uns weitertreiben und geraten unverhofft in den hingegen touristischsten Bereich Shanghais, ein neues Bazarzentrum mit pseudo-Altstadthäusern und einem Tempel (den ich aber nicht wahrnehme, vor lauter Rummel). Am Wasser werfen wir noch einen Blick auf die Skyline des Finanz- und Wirtschaftszentrums Pudong am anderen Ufer, und lassen uns dann von einem Taxi zurück zu unserem Wohnblock bringen.

Der Sonntagsausflug führt uns über den Volksplatz in die französische Konzession. Sie wurde Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet und zeichnet sich durch die niedrigen Bauten aus, die nicht ausschließlich französisch sind, sondern verschiedene europäische Stile zeigen. Zwischen stattlichen Konsulatsgebäuden, Art-déco-Juwelen und anderen, uns Architektur-Volllaien nichts sagenden aber ansehnlichen Häusern lassen wir uns durch die Alleen des künstlerisch angehauchten Viertels treiben und saugen die schöne, aber ganz und gar nicht mehr chinesische Atmosphäre auf. Den offiziellen Sehenswürdigkeiten in Form von ehemaligen Residenzen ebensolcher hochrangiger chinesischer Politiker schenken wir keine gesonderte Beachtung. Einen ganzen Tag kann man so mit Herumlaufen, Kaffeetrinken und Herumlaufen verbringen, so dass uns die U-Bahn erst kurz vor der Dämmerung in der Nähe des Hotels ausspuckt.

Nachdem wir gestern die U-Bahn genutzt hatten, ist heute wieder das Fahrrad dran. Wenn man öffentliche Verkehrsmittel nutzt, latscht man umso mehr, wenn man hingegen das Rad nutzt, stört es oft, wenn man sich etwas genauer ansehen möchte. Heute ist außerdem Montag und es interessiert uns, ob die Ruhe auf den Straßen dem Wochenende geschuldet war. Wir möchten zunächst Geschäftliches erledigen: Tickets für die Fähre im Büro von „Shanghai Ferrys“ abholen und Geld wechseln, damit wir gleich bei der Ankunft Japanische Yen in unseren Taschen haben, denn auf dem Inselstaat spucken angeblich nicht allzu viele Automaten Geld für ausländische Karten aus.  Wir fahren den sogenannten „Bund“ entlang nach Norden. Hier hat man nicht mehr das Gefühl in China zu sein, sondern man wähnt sich in einer europäischen Metropole wie Paris, oder noch passender London. Das „Customs House“, das 1927 fertiggestellt wurde, ist für diesen Eindruck hauptausschlaggebend, da es Big Ben nachempfunden wurde. Doch die gesamte „waterfront“ zeigt mit ihren berühmten Bauwerken („Peace Hotel“, „Hongkong and Shanghai Bank“, „18 The Bund“, …) ein westliches Antlitz. Im in den 20er-Jahren von Palmer & Turner erbauten Art-déco-Gebäude der Bank of China, das von chinesischen Architekten noch mit einem entsprechend fernöstlichen Dach nachgerüstet wurde, füllen wir die nötigen Formulare zum Geldwechseln aus und ziehen eine Wartenummer. Im hohen Saal mit Steinsäulen warten wir im edlen Ambiente der Zwanziger. Nach gut einer Stunde halten wir umgerechnet 700 Euro in Yen in unseren Händen und sind gespannt, wie lange uns diese in Japan reichen. Da dort aber Transport- und Übernachtungskosten das größte Loch ins Budget reißen, hoffen wir, mit unserem Radfahr- und Campingvorhaben noch glimpflich davonzukommen. Das Fährterminal und auch das etwas weiter entfernte Büro des Fährunternehmens nördlich der Wabaidu-Brücke finden wir nach kurzem Suchen und man stellt uns die beiden Tickets für morgen aus. Mittlerweile ist doch schon der Mittag vorbei. Da wir kein Frühstück hatten, wird der Magen allmählich ungeduldig. Wir erinnern uns an eine ganz lange Schlange von Wartenden vor einem „Outseller“ für gedämpfte Teigtaschen und ein daran angeschlossenes Restaurant. Auch heute ist die Schlange wieder wesentlich länger als die immer schon beeindruckende auf dem Markt von Würzburg, wo jeder eine „Geknickte mit“ (für Outsider: eine Bratwurst, geknickt, mit Senf, im Semmel) haben wollte. Wir kämpfen uns ins Lokal im ersten Stock, erstehen Marken für zwei große Körbe Jiaozi und Essig mit Ingwer und rücken den Leuten, die gerade noch ihr Mal genießen, auf die Pelle, um freiwerdende Plätze sofort für uns zu gewinnen. So, wie es alle machen, die hier warten. Irgendwann kommt dann wieder eine neue Fuhre Teigtaschen angefahren und wir bekommen unsere Ration ab. Das Warten hat sich gelohnt, sie schmecken ausgezeichnet. Durch die engen Altstadtgassen kurven wir satt zurück zum Hotel. Shanghai ist eine Stadt, die viele angenehme Ecken hat. Noch kann das ursprüngliche China in der Altstadt gefunden werden, was es sehr interessant macht, doch wer weiß, wann die letzten Gebäude hier neuen Wohnblöcken weichen müssen. Man kann sich mit dem Fahrrad sehr einfach fortbewegen, was wir so nicht erwartet hatten, und das macht eine Großstadt auch immer sympathisch. Einige große Straßen sind allerdings für Zweiräder gesperrt, so dass man am besten den vielen Mopeds auf ihrem Weg folgt, will man nicht von der Polizei angehalten und zur Geldbuße verurteilt werden. Insgesamt hat uns Shanghai aber nicht so sehr in ihren Bann gezogen – wären wir nicht solche Kunstbanausen, sähen wir es vielleicht anders, denn hinsichtlich dieser Szene scheint hier wirklich sehr viel geboten zu sein.

Heute Abend sind wir eingeladen bei sogenannten „Expats“. Elke ist die beste Freundin von Sandra, einer Freundin aus Studententagen. Wir haben Elke einmal vor vielen Jahren in Würzburg getroffen. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei bzw. in wenigen Wochen drei Kindern seit vier Jahren in Shanghai. Das Haus, in dem sie wohnt gehört zu einer ganzen Anlage von Hochhäusern mit Park, Swimmingpools, Tennisplatz und Basketballplatz im am Ostufer des Huangpu gelegenen Neubau- und Geschäftsviertel Pudong. Wir werden herzlich empfangen und uns fallen gleich mal die Augen raus, beim Blick aus der Fensterfront im 32. Stock, die bis zum Fußboden reicht. Die neuen Wolkenkratzer Pudongs glitzern aus nächster Nähe ebenso wie die bunt illuminierten Touristenboote auf dem Huangpu, die man vom Balkon beobachten kann. Für uns wurde extra eine richtige Brotzeit hergerichtet – wirklich etwas, das wir seit unserer Abreise nicht mehr gehabt haben. Zwischen Käse-, Wurstbrot und Salat, hinuntergespült mit kühlem japanischem Bier unterhalten wir uns über so bodenständige Dinge wie Häuserkauf, Kinder und Eltern aber auch über Urlaube, Lebensentwürfe und China. Wir verbringen einen kurzweiligen, richtig netten Abend und raffen uns gegen 22 Uhr auf, um per Taxi zurückzufahren, da wir ja morgen verhältnismäßig früh aufstehen müssen. Um 9.00 Uhr ist „boarding“ für die Fähre nach Japan.