23.11. – 26.11.: Bai Tu Long Bay und Delta des Roten Flusses (k)

Überpünktlich steht der erst einen Monate alte Mercedes Sprinter 16-Sitzer von Ethnic Travel zur Abfahrt bereit vor unserem Hotel. Thuong, unsere 24 Jahre alte Reiseleiterin und der Fahrer Phi begrüßen uns freundlich und nachdem unsere Gepäckmasse verstaut ist, verlassen wir Hanoi nach Osten, in Richtung Küste.
Die Bai Tu Long Bucht liegt noch eine Stunde weiter entfernt von der Hauptstadt als die berühmtere Halong Bucht, weshalb bis jetzt nur wenige Touristen bis dorthin fahren. Auf der vierstündigen Fahrt zum Anleger in … passieren wir die Stadt Halong und werfen erste begeisterte Blicke auf die aus dem Wasser aufragenden Karstkegel. Die roten Segel der zahlreichen Touristenboote kann man von der Ferne gut erkennen. Laut Thoung kreuzen täglich 580 Touristenboote (pro Boot so 20-30 Leute) um die Kegel und durch die Höhlen. Sie werden regelrecht durchgeschleust. Thuong hat letztes Jahr ihren Universitatsabschluss gemacht und spricht sehr gut Englisch.
Der Sprinter rollt nach einer luxuriösen Fahrt auf den Damm des Hafens in Cai Rong hinaus, direkt vor das Holzboot, das uns heute zur Insel Quan Lan bringen wird. Wartende Hände greifen unsere Gepäckstücke und blitzschnell ist alles verladen. Ein junges holländisches Paar, das ebenfalls mit Ethnic Travel unterwegs ist, kommt auch mit auf das Boot, auf dem noch mindestens 8 Leute mehr Platz hätten. Da uns eine private Tour zugesichert wurde, hat die Agentur uns aber vorher um Erlaubnis gefragt und gibt uns deshalb sogar noch 10 Dollar pro Person zurück. Nicht, dass wir so etwas nur andenken würden, aber es macht einen äußerst seriösen Eindruck. Das motorbetriebene Holzboot tuckert hinaus ins Südchinesische Meer, die Sonne wirft den Spiegel des Himmels auf das Wasser und in kürzester Zeit fängt uns die Landschaft mit ihrem Charme ein. Als das Mittagessen serviert wird, sitzen wir auf Höhe des Meeres vor Riesengarnelen, Hühnchen, Gemüse, Fischfilet, Tofu und Reis, werden mit Früchten verwöhnt und blicken auf die bizarren Kegel und Inseln, die wie Kulissen neben unserem Panoramafenster vorbeigleiten.
Ab und an tuckert ein Fischerboot vorbei oder wir passieren schwimmende Hütten, von denen die Kinder und Hunde herüberwinken. Es ist einfach genial – wirklich kein anderes Touristenboot am Horizont zu sehen. In der Nähe eines kleinen Dorfes, das an die Felsen einer Insel gedrängt schwimmt, gehen wir vor Anker. Die Seekajaks werden zu Wasser gelassen und nach einigem „ne, ne, geht ihr mal…“-Theater auch die beiden Damen mit Schwimmweste bewaffnet auf den Vordersitz gezwungen. Molle schiffert Ursula über die spiegelglatte Fläche, ich halbe Helga im Boot, die fleißig mitpaddelt. Wir umrunden zwei Inseln und genießen den Blick vom Wasser aus. Tiere lassen sich keine blicken – es bezahlt sie ja auch keiner, dass sie sich schön für uns am Ufer aufstellen. Die Bewohner des Dorfes lachen und winken freundlich, sie sind damit beschäftigt, ihre Netze zu flicken und zu ordnen. Ich lasse es mir im Anschluss nicht entgehen, noch das Wasser richtig zu spüren und schwimme noch eine runde durch das klare, erfrischende Nass.
Bäuchlings auf dem Deck genießen wir die weitere Fahrt, bis die Sonne den Himmel rötlich färbt und wir die Insel erreichen, als das Schwarz der Nacht den Sieg davon getragen hat. Perfekt organisiert steht bereits das Tucktuck bereit, das alle, die es schaffen, über die schmalen Bretter und zwei Boote das Festland zu erreichen, zum Gästehaus fährt. Es haben alle geschafft. Nur wenige Lichter sehen wir in der Umgebung, alles liegt in ruhiger Dunkelheit und man kann das Orchester der Insekten proben hören. Die Fischerfamilie, bei der wir wohnen, tischt bald darauf zum Abendessen auf: wieder werden wir mit den Schätzen des Meeres beschenkt: Riesengarnelen, frittierte Fischfladen, gebackene Schrimpstaler, handgemachte Frühlingsrollen, Tofu, Gemüse, Reis. Dazu kaltes Bier und eine Flasche Dalat-Rotwein (aus dem südlichen Hochland Vietnams) – so sitzen wir lange und unterhalten uns mit Thuong, die uns viel über ihr Land und die Lebensbedingungen seiner Menschen erzählt. Kurz vor der Strom abgedreht wird, schlüpfen wir nach einem tollten Tag in unsere Moskitonetze.

2. Tag:
Nach der Stärkung mit Bananenpfannkuchen und Milchkaffee schwingen wir uns auf die bereitstehenden Drahtesel, um zum 5km entfernten Strand zu radeln. Eine kleine Straße führt über die Insel, die wir jetzt, bei Tageslicht, genauer in Augenschein nehmen können. Ein paar Reis- und Gemüsefelder, auf denen Wasserbüffel mümmeln – die Dinge hier werden wohl zum Eigengebrauch angebaut, das Einkommen der Menschen erfolgt vor allem durch den Fischfang. Pinien verströmen den tyipischen „Urlaub-am-Meer-Geruch“, die Morgensonne wärmt uns, wir fühlen uns wohl. Die Leute in ihren Gärten und Häusern beachten uns nicht groß, bis jetzt scheint hier noch niemand etwas mit uns Westnasen anfangen zu können. Dafür sind hier zu unserer Freude einfach viel zu wenige. Fast haben wir das Gefühl, Bewohner der Insel zu sein, die zu einem Morgenschwomm fahren. Der Sand unter den Reifen kündigt das Erreichen des Strandes an: wir glauben in einen Werbeprospekt zu blicken. Ein kilometerlanger, weißer, feiner Strand – leer und (noch) unverbaut. Ein Bagger ist allerdings schon bei der Arbeit und hebt das Loch für eine Bühne aus, auf der wohl schon im nächsten Jahr Karaoke stattfinden wird. Klar, dass die Sänger dann auch nicht am Strand schlafen, was den Bau eines Resorts nach sich zieht. Wir haben das Gefühl, gerade noch rechtzeitig gekommen zu sein und genießen eine gute Stunde lang dieses Paradies. Per Tucktuck geht es dann zu einem anderen Hafen und wir legen ab, um den zweiten Teil der Bootsfahrt zu starten. Bald tut uns der Finger weh, vom ständigen Drücken des Kameraauslösers. Eine Kalksteinformation jagt die andere – mit Fischerboot, mit Fischerhaus, zwei Kegel, vier Kegel, Kegel in der Ferne, Kegel-Nahaufnahme, Molle vor Kegel, Uschi vor Kegel, Teil vom Boot mit Kegeln, Gesamtpanorama im oberen Bildrand – oder lieber im unteren?, … einmalig schön. Beim Schwimmstopp machen diesmal sogar alle mit und so bleibt kaum noch Zeit für das wiederum leckere und reichhaltige Mittagessen – diesmal mit weiteren Früchten der Umgebung: Muscheln. Frischer geht es wirklich nicht.
Gut 24 nach Verlassen des Anlegers sind wir wieder da – wie aus einem Traum erwacht. Wieder müssen wir gerade mal 5 Schritte gehen und schon sitzen wir wieder im Auto, in dem unsere Fahrräder übernachtet haben, und werden zu unserem nächsten Ziel chauffiert: NInh Binh, ein Ort ca. 90km südwestlich von Hanoi. Die Fahrt über die vielbefahrenen Straßen dauert ca. 6 Stunden – wir durchqueren das Delta des Roten Flusses. Fast durchgängig fahren wir durch besiedeltes und bepflanztes Gebiet. Alles wuselt auf der Straße – Horden von Schulkindern, Mopes, Händler, Busse, LKW. Zum Fahrradfahren wäre das hier kein Spaß – die Straßen zu eng, der Verkehr zu stark. Wir nehmen daher unsere privilegierte Fortbewegung dankbar an – der Fahrer fährt ruhig und verantwortungsvoll, darüber sind wir außerdem sehr froh. Gegen 20 Uhr erreichen wir das Hotel in Tam Coc in der Nähe von Ninh Binh.

3. Tag:
Das Gefeilsche der Marktfrauen ruft mich aus dem Schlaf. Als ich den Tönen nachforsche, sehe ich die bunten Farben der Kleider und ihres Angebots unter den Spitzhüten hervorleuchten. Ein kleiner Fluss und grüne, im Dunst aufragende Karstkegel in der Umgebung formen diesen Blick zu einem Bild, wie man es sich typischer nicht ausmalen könnte. Wir starten nach dem Frühstück mit den Fahrrädern. Zuerst besichtigen wir den Tempel. Der bärtige Tempelwärter führt uns herum, Thuong erklärt uns die geschichtlichen Hintergründe. Weiter folgen wir ihrem konischen Hut im gemächlichen Tempo zur Pagode. Auf 3 Ebenen haben Gläubige vor Jahrhunderten hier eine Anlage errichtet, in der sie ihren Glauben praktizieren können. Von der höchsten Pagode folge ich noch einem Wander- und Kletterweg hinauf und erreiche wenige hundert Höhenmeter weiter oben den Gipfel eines Karstberges, von dem ich einen tollen 360 Grad Blick über die sogenannte „trockene Halong Bucht“ habe. Auf dem Rückweg zum Hotel folgen wir unserer liebenswerten Führerin über die Dämme der Reisfelder, vorbei an einfachen Hütten und Häusern, vor denen Kinder Fische angeln und Enten gründeln. Der ausgefüllte Tagesplan lässt keine große Rast zu. Mit unserem Bus und einem neuen Fahrer, der sich in der Region besonders gut auskennt, werden wir zu einer einheimischen, einfachen Familie gefahren, die direkt an einem der vielen Wasserarme wohnt. Dort bekommen wir ein leckeres, traditionell vietnamesisches Mittagessen serviert: Suppe, verschiedene gebratene Gemüse, Tofu, Schrimps (diesmal aus den Wasserarmen der Umgebung), Spinat mit Minischnecken und kurzgebratenes Fleisch mit Gemüse bedecken den kleinen Tisch. Alles mundet vorzüglich und wir geben unser bestes, wobei Thuong mit ihrem „two more“ – „two small“ beständig dafür sorgt, dass wir nochmals nachschöpfen. Wichtig dabei: man muss immer zwei Löffel Reis schöpfen, nicht nur einen. Der Aberglaube spielt hier auch eine große Rolle. Die Hausherrin hat nach dem Essen gleich ihren nächsten Job: mit einem kleinen Boot aus Beton (das ist der Stoff, der hier am einfachsten und billigsten zu bekommen ist), rudert sie uns ein Stündchen den kleinen Flussarm hinauf, kämpft sich durch das wuchernde Kraut und wir gewinnen einen Einblick in die Lebensweise der einfachen Leute und einen Ausblick auf die faszinierende Landschaft aus Reisfeldern, Flüsschen und Kalksteinformationen, die märchenhafte Spiegelungen ins Wasser werfen. Eisvögel flitzen über das Wasser, hoch oben in den Karstkegeln grasen die Bergziegen, deren Fleisch hier eine Spezialität ist. Zur Recht, wie wir beim gestrigen Abendessen kosten durften. Im Anschluss fahren wir noch mit den Rädern einige Kilometer durch die Felder und größeren Dörfer, wo wir fast keinen anderen Touristen begegnen. Wir sind nicht sehr weit von Tam Coc entfernt, doch die meisten Touristen scheinen sich mit dem Ort zu begnügen und wir genießen es, dass Ethnic Travel sein Konzept wirklich umsetzt und seine Versprechungen hält. In einem Dorf findet gerade eine Hochzeit statt – 10 Frauen waschen und rupfen die dafür erforderlichen Gänse im Fluss. Wir versprechen die Fotos, die wir von ihnen machen, zu schicken. Hier erweist es sich als äußerst komfortabel mit jemandem zu reisen, der sich verständigen kann. Der Kontakt zu den Menschen vor Ort kann so geknüpft werden.
Nach einem kurzen Transfer betreten wir die Terrasse einer anderen Familie, bei der wir unser Abendessen selbst kochen werden. Zuerst betrachten wir fasziniert die kleine „Fabrik“ im hinteren Zimmer: die Familie lebt vom Verkauf von Reisnudeln. Jeden Tag ab 5 Uhr morgens ziehen sie auf den Markt, um 100kg der produzierten Nudeln zu verkaufen. Für 24 Cent pro Kilo wechseln sie den Besitzer. Im dunklen Zimmer steht kübelweise eingeweichtes Reismehl bereit. Die Mühle aus zwei großen, schweren Mahlsteinen schweigt für heute. Kurz wirft der Familienvater nochmal die Maschine an – sieht aus wie eine überdimensionierte Kartoffelbreipresse. Jede Portion wird sofort kurz gekocht, abgeschreckt und zu kleinen Nestern von der Größe einer Untertasse gedreht. Sieht aufwändig aus.
Sodann sind wir selbst an der Reihe: jeder bekommt eine Schürze und dann wird geschnippelt und gerollt. Wir stellen äußerst schmackhafte Frühlingsrollen her. Gerollt in Reispapier, was nicht ganz einfach ist, da es sehr schnell durchweicht und bricht. Frittiert sehen die Dinger aber ganz passabel aus – und über den Geschmack lässt sich sowieso nicht streiten. Der Fahrer, der sich als enthusiastischer Koch entpuppt, verwöhnt uns dazu noch mit weiteren Gerichten, die alle wirklich äußerst lecker sind. Mit einer Tüte Bananen beschenkt (es gibt hier grundsätzlich Bananen zum Nachtisch – und sich so eine gelbe Stange noch hineinzupressen, nachdem man sowieso schon äußerst satt ist, wäre wirklich Frevel; deshalb müssen wir sie immer mitnehmen!) betreten wir unser Hotel und lassen den Abend bei einer weiteren Flasche Dalat Wein gemütlich ausklingen.
4. Tag
Ausschlafen ist auf dieser Tour Fehlanzeige. Gegen 9 Uhr werden wir schon wieder durch die Landschaft kutschiert, mit dem Ziel „Floating village“. Wir besteigen eine Tuckerboot und fahren flussaufwärts zum Dorf, das aber nicht mehr schwimmt, sondern dessen Bewohner in den letzten Jahren alle aufs „Festland“ gezogen sind. Das ist einfach komfortabler und es scheint, als können sich die meisten Menschen das nun leisten. Wir sehen viele neue Häuser und Häuser im Bau. Während die Frauen noch im Fluss mit der harten Arbeit des Wasserpflanzensammelns, Schneckenfangens und Schrimpsfallenauslegens beschäftigt sind, arbeiten die Männer auf dem Bau, in den Kalksteinbrüchen oder sogar weiter entfernt in den Städten als Motorradtaxifahrer. Es ist interessant, die Menschen auf ihren kleinen Booten zu beobachten, doch wenn man so durchgefahren wird, kommt man sich auch ein wenig komisch vor. Es ist so voyeuristisch. Am Ufer steht plötzlich eine große Kathedrale, in einem kleinen Dorf entdecken wir zwei Kirchen. 80% der Bevölkerung in dieser Region sind Katholiken. Das passt so gar nicht zum Landschaftsbild – ist irgendwie lustig. Nach der Bootstour erhalten wir ein weiteres Mal ein exzellentes Mittagessen mit den üblichen Gerichten, die zwar alle ein weniger originell gewürzt sind wie in China, aber dennoch sehr munden. Dann gehen wir die Rückfahrt an. Unser Anbieter lädt uns zuverlässig gegen 16 Uhr in Hanoi am Bahnhof ab. Thuong, die wir sehr ins Herz geschlossen haben, verabschieden wir mit einem Trinkgeld und einem Seidenschal – mit ihr hatten wir wirklich eine sehr kompetente und herzerfrischende Reiseleitung, die für uns diese 4 Tage zu einem sehr schönen Erlebnis gemacht hat. Beim Einsteigen in den Nachtzug legen wir uns noch etwas mit den sturen Aufsehern an, die von uns eine Gebühr für die Räder verlangen wollen, obwohl wir in unseren Augen unsere Räder zu den anderen Gepäckstücken zählen und sowieso alles in unser 4er Abteil stopfen. Auch Molles Versuch, einfach einzusteigen (ein Tipp von Matthias: „eifach eisteiga!“) hilft nicht. Wir kaufen die Radtickets und können Hanoi nun ohne eine Schlägerei verlassen. Frisch belegte Baguettes von einem Takeaway Laden (der Besitzer ist uns sogar noch nachgelaufen, um zu sagen, dass sein Kollege vergessen hat, das Hummus auf die Brote zu schmieren) und Wein und Bier machen den Abend gesellig und erst spät nützen wir die Pritschen zum Schlafen.