Hm?! Also, Indien hat 3,29 Mio. km² auf denen sich 1,3 Milliarden Bewohner tummeln. Das Territorium der EU beträgt gut 4,3 Mio. km². 742 Millionen Menschen leben darin. Was würde man jemandem antworten, der fragt: Na, wie ist die Europäische Union so?
Da würde man dann wohl sagen: Pass auf, die EU besteht aus 28 Staaten mit zig verschiedenen Sprachen und Kulturen, Landschaften und Mentalitäten. So einfach kann man das nicht sagen.
Genau. Und deshalb sage ich jetzt: Passt auf, Indien besteht aus 20 Bundesstaaten mit über 100 Sprachen, verschiedenen Kulturen, Religionen, Landschaften und Mentalitäten. So einfach kann man das nicht sagen.
Wir bereisen derzeit lediglich einen schmalen Streifen Südindiens, von Vasco da Gama bis Cochin, mit Abstechern ins Hinterland, den Ausläufern der Western Ghats. Es handelt sich dabei um die Budesstaaten Goa, Karnataka und Kerala mit einer Gesamtfläche von lediglich 250 000 km²! Damit kommen wir der Sache schon näher: Deutschland hat eine Fläche von etwa 360 000 km². Und da wird es noch klarer: Wie schwer ist es nämlich bereits jemandem zu erklären, wie Deutschland so ist? Nord oder Süd? West oder Ost? Oder was alle „Deutschen“ gemeinsam haben? Was typisch deutsch ist? Eben.
Und darum bin ich jetzt sehr vorsichtig darin, dass zu sagen, was ich sage. Ich, der sich niemals hätte vorstellen können, nach Indien zu reisen! Der, der immer sagte: Zu dreckig, zu laut, zu gefährlich, zu heiß, zu voll, zu arm! Was soll ich da?
Kürzlich las ich einen schönen Rad-Reisebericht über Südindien und da hat der Blogger diesen Teil des Landes wunderbar charakterisiert. Ich zitiere mal:

„Indien ist ein wenig Zentralasien, denn ich sehe hier viele Moscheen und verschleierte Frauen und Männer mit weißen Käppis.
Indien ist auch ein wenig Türkei, denn fast jeder Inder trägt einen Schnurrbart wie ein anatolischer Türke.

13 Jahre alt sei sein toller Bart, meinte der Sicherheitsmann nicht ohne Stolz.

Indien ist ein wenig Europa, denn ich sehe hier täglich kleinere und größere Kirchen.

Indien ist auch ein wenig Vietnam, aber nur ein wenig, denn hier wird noch rücksichtsloser gefahren und noch mehr gehupt, als ich es in Vietnam oder in einem anderen Land je erlebt habe.

Indien ist ein wenig Orient, denn das Essen und das sehr süße Gebäck sind muslimisch geprägt.

Vada schmecken besonders gut wenn sie frisch sind.

Indien ist ein wenig England, denn durch die früheren Kolonialherren hat sich Englisch als Zweitsprache hier etabliert.

Geschlechtergetrenntes Anstehen für Tickets.

Indien ist ein wenig wie Ost-Tibet, denn der blonde Außerasiatische mit seinem Raumschiff….äähh, pardon….Fahrrad ist hier das permanente Objekt ihrer Neugierde.

Wie Jacobs Schloss wohl aufgeht? Apropos: Jacob, wir haben dein Schloss ausgeliehen!

Und zuguterletzt, Indien ist natürlich auch Indien. Bunt, chaotisch, staubig und dreckig, vielfältig, beeindruckend, manchmal anstrengend, teilweise sehr arm, unglaublich gastfreundlich und vor allem eins: Laut.

Mit vereinten Kräften wird der Krishna im Wagen einmal um den Komplex gezogen.

Der offizielle indische Tourismusslogan beschreibt es treffend: Incredible India!“

(Text: www.sport-bergmann.de/indien.html)

Dem gibt es nichts hinzuzufügen – für alle Aussagen haben wir ein Bild gefunden. Wunderbar! Und das ist es auch, was mich dazu bringt, zu sagen: Dieser Teil Indiens ist letztlich eben auch nur ein Stück „normale“ Welt. Wenn man sich mal durch den anfänglichen Moment der Unsicherheit (weil alles neu) gekämpft hat (wie übrigens in jedem Land) und man anfängt, die Menschen zu beobachten, dann sieht man eben einfach auch Menschen, die ihrem Alltag nachgehen. Arbeiten, essen, Zeitung lesen, quatschen, mit dem Moped rumfahren, Blödsinn machen, Ausländer über Indien das eigene Fahrrad ausfragen oder in einem der zahlreichen Tempel, Kirchen oder Moscheen beten. Ja, und schlafen tun sie auch irgendwann, denn abends und nachts ist Indien dann doch gar nicht soooo laut.

Fischtransport

Unser Indienbild aus den Medien ist ja geprägt vom Anblick Armer, Kranker, Behinderter und Bettelnder, von Müll und Luftverschmutzung, von Menschenmassen und Krankheiten. Und von Taj Mahal und Himalaja. Das sind halt die Extreme! Dazwischen liegt, wie überall, die breite Masse, die Normalität. Und das ist es, was mich am meisten überrascht hat. Mist, schon wieder ein Haufen Vorurteile unter einem Meterhohen Haufen Realität begraben…
Ok, so viel zum derzeitigen Grundgefühl. Aber natürlich ist es trotzdem nicht wie Deutschland. Und ganz so „normal“, wie im europäischen Sinne ist es natürlich auch nicht.

Was ist dann speziell an Indien?

Zum Beispiel ist das Essen noch im kleinsten Restaurant viiiiiel besser, als beim „besten Inder der Stadt“ in Deutschland. Obwohl die Namen der Gerichte eigentlich immer die selben sind (Veg Jalfrezi, Kadai, Kurma, Kohlapuri oder Mix), schmeckt es immer irgendwie anders. Mal schärfer, mal süßlicher, mal cremiger, mal trockener. Jeder scheint hier sein eigenes lokales Rezeptchen zu haben. Dazu schmecken verschiedene Brotformen von Naan über Kulcha zu Chapati, bis Parotha, Burji, Vada oder Idli.

Mittags ist das Thali sehr populär bei den Leuten.

Reis könnte man auch immer haben, wir mögen aber lieber die Fladenvariationen. Nur, wann es was gibt, ist nicht immer einfach zu erschließen. Es gibt bestimmte Zeiten, wann was erhältlich ist, aber das ist wohl auch „lokal“ verschieden.

So werfen wir dem Kellner immer ein paar Vorschläge zu, der schüttelt dann entweder entrüstet den Kopf („Not now!!“) oder lächelt glücklich, dass er was verstanden hat und bringen kann. Dazu schlürfen wir immer ein, zwei Tässchen süß-heißen Milchtee!

Die Milch für den Tee muss immer in Bewegung bleiben, wegen der Haut.
Sieht aus wie Kaffee, ist aber Tee mit Milchschaum.

Übrigens: Arbeitskräftemangel herrscht bei 1,3 Milliarden Leuten ganz offensichtlich nicht. In einem größeren Restaurant, zum Beispeil, arbeiten unzählige Menschen. Manchmal hat man das Gefühl, der Schlüssel Gast – Angestellter läge bei 1:1! Und das teilt sich so auf:
Am Eingang befindet sich immer eine Theke. Hier sitzt der Kassierer. Edel gekleidet, weißes Hemd und so. Oft hat er noch einen Stellvertreter. Dann gibt es die Hauptkellner, die die Bestellung aufnehmen (und an den Kassier weitergeben – der notiert alles fleißig). Sie haben eine ordentliche Uniform an und sprechen meist ganz leidlich englisch. Dann kommen die Servierer. Sie dürfen die Speisen und Nachbestellungen an den Tisch bringen. Auch sie haben eine Uniform, etwas einfacher gehalten. Ist man gesättigt und bestellt nichts mehr nach (und erst dann), kommen die Abräumer. Sie haben keine Uniform und sind meist (Verzeihung) eher schmuddelig gekleidet und barfuß. Sie wischen auch die Tische und den Boden.
Bei 20 Arbeitskräften würde sich die Zahl in etwa so verteilen:
Kassierer: 2
Hauptkellner: 4
Servierer: 10
Abräumer: 4

Aber es ist noch mehr anders! Was? Das lest ihr bald…