38,8° C! Der Schweiß rinnt mir in die Augen, die Kleidung klebt an meinen Körper! Eine nicht enden wollende 15%ige Steigung, ich sehe nur noch verschwommen. Ob es am Wassermangel oder am Salz in meinen Augen liegt, ich weiß es nicht mehr. Ich halte an, ich spreche? Mit wem? Es ist ein bärtiger Mann mit langem Haar – oh Gott!? Ich fahre weiter, höre: „I‘ll see you in Nirvana!“ – War es das? Die erste Etappe in Indien, zugleich meine letzte?
Ich bremse, schüttle mich, zwinkere mit den Augen – da sehe ich ihn grinsen. Er sitzt auf seinem Motorrad, nickt mir zu: „Second bar on the left side, at the beach! See you there.“
Willkommen in Goa.

Cudle-Beach: Der Schein trügt nicht. Hier ist Hippieland.

Da waren wir also. Im legendären Goa. Traum aller nackten Hippies, Drogenparadies, freie Liebe und so! Vor über 40 Jahren wurde der kleinste aller indischen Bundesstaaten von den Aussteigern entdeckt. Und an seinem Ruf hat sich bis heute nichts geändert. Was also wollten wir hier? Mal anschauen, wird man ja noch dürfen. Den Norden, der laut Reiseführer den Ravern, Alt- und Neu-Hippies und den Drogenparties gehört, ließen wir natürlich aus, lag eh nicht auf der Route. Also Süd-Goa.
Wir rollten in Vasco da Gama vom Schiff, teilnahmslos wie fast immer schlichen die Kreuzfahrt-Touristen an uns vorbei, fokussiert auf ihren Ausflug, ihre Reise, ihren „einfach nur Urlaub“. Wir bauten die Vorderräder ein, schraubten die Pedale an, luden auf und rollten an den Polizisten vorbei. Keine Gepäckkontrolle, keine Passkontrolle, nix. Nur ein lustiges Gespräch mit den Männern der indischen Hafenbehörde. Und schon waren wir drin im Gewusel.

Ein neues Land, zumal mit dem Fahrrad – immer spannend. Wir haben unterdessen ja schon viele tausend Kilometer in den unterschiedlichsten Ländern unter die Räder genommen. Natürlich ist vieles gleich oder zumindest ähnlich und dennoch hat jedes Land einen eigenen Charakter, den man sich im Laufe der ersten Wochen „erarbeiten“, ja erfühlen muss. Katrin geht immer sehr offen und euphorisch an die Sache ran, ich muss erst mal aus der zweiten Reihe beobachten. Stets ist es ist mir besonderes wichtig, wie die Menschen auf einen reagieren. Und da ist Indien bisher wahnsinnig gut. Die Leute winken und grinsen und grüßen was das Zeug hält. Klar, manche schauen auch nur und manch kleines Mädel scheint auch manchmal ein bisschen Angst vor den „Aliens“ zu haben. Aber meist hört man aus den entferntesten Winkeln der kleinsten Dörfer ein Pfeifen, Quieken, Rufen oder Schreien von begeisterten Kindern. Oder ein kerniges „Häälouuu! How are you?“, wenn der Stimmbruch durch ist. Hält man an, versammeln sich Gruppen am Dorfrand und winken geschlossen herüber. Wirklich. Trauben von 20 oder 30 Leuten. Alle winken so, als hätte man den letzten Monat in der Dorfgemeinschaft verbracht. Man kommt sich vor, als hätte man einen VIP-Status.

Viele freuen sich auch über ein kleines Gespräch und ein paar lobende Worte über Indien. Dann natürlich woher, wohin und das Fahrrad! Klaro. Unsere Bikes haben wir jetzt mal auf 50 000 Rupies taxiert (sind ca. 700 Euro). Viele lachen da nur, dafür gäbe es doch einen Motorroller! Aber die 30 Gänge, die mögen sie schon! Vor allem auch im Stehen durchschalten. Sonst staunen sie sehr über die schönen Bikes aus „Tscharmani“. Daumen hoch, Kopfwackeln, ein Handyfoto gelegentlich noch und weiter dürfen wir.
Das indische Essen, so meinten wir, wäre sicher nicht viel anders als zigfach im Oman genossen. Stimmt prinzipiell auch, der Geschmack kommt uns bekannt vor. Nur sind die Omanis hygienisch wohl etwas weiter, jedenfalls war eines unserer Töpfchen mit Dal oder sontwas, das wir in einer kleinen Bude bestellten, wohl leicht „kontaminiert“ und so gab es gleich das „Willkommengeschenk“ von Indien! Erstmal Glück – wir hatten da schon ein ziemlich ordentliches Zimmer in der Nähe des Patnem-Beaches in Süd-Goa bezogen. Nochmal Glück – das Ganze dauerte nur einen Tag. Dann kehrte der Hunger zurück. Wir aber Goa noch nicht den Rücken. Denn, der Strand mit all den Annehmlichkeiten für den westlichen Taveller, der gefiel uns dann doch ziemlich gut. Ein leichter, relaxter Indieneinstig. Unser Gästehaus war etwa einen Kilometer vom Strand weg, genug, um ein bisschen Ruhe zu haben, wenn wir das wollten. Meist waren wir aber am Meer, in einem der zahlreichen Bars. Frühstück im „Home“, erste Reihe, Meerblick, hervorragender Kaffee! Dann ein zwei Fläschchen Wasser beim „Herumflezen“ und Lesen im „Roundcube“ oder dem „Nirvana“. Wenn es heiß wurde, ab in die Wellen, mitgleiten, sich treiben lassen. Dann etwas einkaufen, duschen, zurück an den Strand. Sunset-Bier mit „Kitsch-Paradies-Blick“ im „Om Shanti 2“! Oh ja, insgesamt blieben wir vier Tage.

Es wäre ein Leichtes, dort zu „versumpfen“. Nicht wenige Westler bleiben dort Wochen und Monate hängen. So mancher überwintert dort! Aber ist das Indien? Wir denken: Eher nein, das ist Goa. Speziell. Anders. Europäisch gar? Noch kennen wir zu wenig von Indien, wir sagen es euch, wenn wir Cochin erreicht haben.
Der äußerste Süden Goas ist momentan der Bereich für Yoga und Auyuveda-Anhäger, Familien, Aussteiger und Erholungssuchende im „mittleren“ Alter. Und demenstrpechend geht es auch zu. Musik aus den 80ern und 90ern, Livemusik aus den 70ern von ergrauten Bärtigen, mal Blues, mal ein bisschen Jazz. Die Leute, alle entspannt, der Service aufmerksam, nette Gespräche. Wie gesagt, wenn sich die Sonne senkt, fließt das Bier und der „ach komm, nur noch ein Tag“-Gedanke setzt ein. Man muss schon wirklich „aktiv“ abreisen, wenn man den Absprung schaffen will. Und das taten wir! Uns fällt das glücklicherweise nicht allzu schwer, kommt doch nach ein paar Tagen bei uns ohnehin das innere Bedürfnis auf, wieder was anderes zu sehen – in diesem Fall das „richtige“ Indien außerhalb der „Traveller-Blase“. Ein wichtiger Grund, warum wir das Rad zum Reisen wählen. Viele fahren nämlich vom Patnem-Beach weiter nach Hampi („nice bars and cafés“), zum Om-Beach („perfect beach“) oder fliegen gleich an die Strände von Kambodscha oder Thailand („this setting here in Goa reminds me of Thailand or Camobdia“) – oder kommen eben von dort. Für den Radler hingegen heißt es dann immer: mal sehen, was und wie es zwischen den touristischen Orten so ist. Und das mögen wir so sehr.

Und jetzt sind wir also wieder „on the road“. Wir haben beschlossen, uns so richtig Zeit zu lassen. Wir starten morgens so gegen 7:30 Uhr und wollen gegen Mittag, wenn die Hitze mächtig drückt, das Rad abstellen. Meist schaffen wir damit 40-50 Kilometer, keine Rekorde, aber auch kein Stress. Den kann man in Indien nämlich am wenigsten brauchen.