Ein braungebrannter Mann, Typ Segler, wirft ein Kilo „Black Tiger Shrimps“ und eine Flasche Gin auf das Band an der Supermarktkasse. „Du bist doch der kleine Schinesenkoch, harharhar…“ raunt er seinem Begleiter zu. Sein Sohn, ebenso braungebrannt, Typ Seglerkind mit Bermuda und hellblauem Hemd, grinst dazu. Willkommen auf Sylt.

Nach dem rauhen Tschechien und dem freundlich aufstrebenden Leipzig die nächste Station unserer Reise. Ein kleiner Kulturschock! Ebenso klein ist auch Deutschlands nördlichste Insel, entsprechend kurz unser geplanter Aufenthalt. Sofort spürt man den mondänen Flair der Schönen und Reichen, wie viel davon „Pseudo“ ist, man weiß es nicht. Eigentlich auch egal: Mit dem Porsche-Cabrio nach List in die Mode-Boutique, in Bogner-Designer-Klamotten zum Aussichtspunkt, das Handy als Nabelschnur zum Business-, die Ray Ban im zurückgegelten Haar – alle irgendwie zu reich, zu gelangweilt. Nach einer Nacht auf dem Campingplatz in den Dünen Westerlands freuen wir uns über die tolle Radstrecke in den Norden der Insel. Wunderbare Heidelandschaft, das typische Rosa der Pflanzen leuchtet in der Sonne. Leicht wellig geht es entlang der Nordsee.

Schnell erreichen wir List, unser Sprungbrett nach Dänemark mit seiner südlichen Insel Romo. List selbst dient ansonsten als Ort zum Geldausgeben. Die üblichen Futterstände, Kaffeechen, alles dem Geschmack der Touristen angepasst. Die mittelgroße Fähre ist ausgebucht, es ist Hochsaison. Doch für ein paar Fahrräder ist immer Platz. Das Schiff kann kaum richtig Fahrt aufnehmen, so kurz ist die Strecke. Immerhin reicht die Zeit aus, meinen Rucksack mit Schlafsack, Matte und Zeltstangen auszuwaschen und trockenzuföhnen – eine Dose Bier hat mal wieder nachgegeben. Stinkende Sauerei.

Romo ist klein, flach und touristisch. Drei Campingplätze stehen für die Feriengäste zur Auswahl. Gut für uns. Da für den nächsten Tag starker Wind und viel Regen angesagt ist, legen wir einen Pausetag am Meer ein. Dänische Campingplätze sind sehr gut auf schlechtes Wetter eingestellt (warum wohl?) und bieten neben hervorragend ausgestatteten Küchen meist auch einen gemütlichen Aufenthaltsraum. So können wir uns nach den kühlen, windigen und feuchten Spaziergängen am Strand von Lakolk wieder aufwärmen.

Der Strand hier ist sehr speziell, von den Dünen bis zum Meer läuft man mehrere hundert Meter auf perfekt gepresstem Sand. Es ist fast wie Teer. Leider ist der Strand als Besonderheit auch für Autos freigegeben. So tuckert natürlich fast jeder in die erste Reihe, kreiselt im Sand oder spielt „Autowerbung“, indem durch ausgedehnte Pfützen gebrettert wird. Das Auto – der Menschen liebstes Spielzeug. Die „Livredder“ à la Baywatch haben ob der kalten Temperaturen nicht viel zu tun, sie nutzen die Zeit, mit dem Fernglas ein paar Mädels im Bikini zu begutachten. So weit, so Klischee. Die dänische Westküste ist ein Paradies für Wellenreiter und Kitesurfer, diese werden wir im Verlauf immer wieder beobachten können.

Auf viel verlassen kann man sich beim dänischen Wetter nicht, der Wind gehört nicht dazu. Er ist ein treuer Begleiter, auf unserer Tour können wir ihn sogar Freund nennen. Vier Tage bläst er kräftig von hinten und schiebt uns an. Unterdessen sind wir auf der „1“, dem dänischen Teil des fast 6000 Kilometer langen Nordseeküsten-Radwegs. Auf seinem Weg bis Bergen in Norwegen kann man auf ihm von Schottland startend die ganze Nordsee umrunden und die Küstenlandschaften Großbritanniens, der Niederlanden, Deutschlands, Dänemarks, Schwedens und Norwegens kennen lernen.

Wer denkt, dass sei doch recht langweilig, da die Küsten rund um die Nordsee doch alle gleich aussähen, der irrt gewaltig. Selbst auf den 500 Kilometern, die wir dem Radweg in Dänemark folgen, lassen sich immer wieder kleine Veränderungen bemerken. Der erste Abschnitt von Romo über Ejsberg bis Vejers stellt den Übergang aus Norddeutschland dar und führt viel an Deichen entlang. Schafe grasen im saftigen Grün vor der Traumkulisse der Nordsee. Immer wieder sind auf dem Weg Gatter zu öffnen, muss dem Schafmist ausgewichen werden. Da der Deich oft den direkten Ausblick versperrt, bleibt dieser Teil für uns aber der unspektakulärste.

Nach einer Nacht in Vejers drehen wir auf Nord, der Wind auf Süd, eine perfekte Kombination. Die Wolken haben erstmal Pause und es folgen Bilderbuchtage auf dem Rad. Die Landschaft verändert sich wieder, ein bisschen wie die Dünen auf Sylt, ein bisschen nordischer. Die Strecke ist in großen Teilen wie die Naturausgabe einer Achterbahn. Auf sandigem, aber festem Untergrund gleiten wir über und durch die sanften Hügel. Die Ausblicke auf das blaue Meer werden häufiger, ebenso wie die Ferienhäuser, die auf die (vorwiegend deutschen) Sommerurlauber warten. Immer wieder durchfahren wir große Siedlungen davon. Einheimische scheint es hier kaum zu geben, die wenigen Ort fungieren fast nur als Versorgungsstationen für die Urlauber. Supermärkte, Bäckereien, ein bisschen Mode, Sportgeschäfte. Traditionelles Leben findet hier vermutlich nicht mehr viel statt. Nicht verwunderlich: Jütland zählt zu den ärmsten Regionen Dänemarks, die Landflucht scheint bereits abgeschlossen. Wer jung und willig ist, ist längst in Kopenhagen.

Statt einer Brücke gibt es bei Thyboron eine alte, kleine Fähre, die uns für ein paar Kronen am Aggervej wieder absetzte. Von hier geht es schnurgerade bis nach Klitmoller, einem weiteren Kite-Paradies.

Obwohl wir uns zu 95% auf Schotter, Sand, Kies, Waldboden und sonstigen Naturbelägen bewegen, halten die Reifen perfekt dicht. Gegen die stecknadellangen und ebenso Spitzen Dornen der Heide ist mein Hinterreifen aber dann doch machtlos. Aus der Flickaktion wird eine längere Geschichte, da der Platten erstens wiederkehrt (bis der Dornenrest gefunden ist) und zweitens mein Hinterrad ab diesem Moment nicht mehr wirklich rund läuft. Letztlich muss ich einige Tage später in Frederikshavn einen neuen Mantel samt Felgenband kaufen. Letzteres löste, wie sich herausstellt, die Probleme aus. Für Schweden ist das Bike also wieder top in Schuss.

Das Wetter und der Wind bleiben uns auch auf den nächsten Abschnitten treu. Landschaftlich bleibt alles sehr gefällig und die autofreien Strecken durch Heide, Wald und Wiesen lassen das Radlerherz – ausnahmsweise mal nicht wegen der Steigungen – höher schlagen. Es ist eine Genusstour. Die Campingplätze sind allesamt modern und sehr gut ausgestattet, immer wieder freuen wir uns über die schön warmen Küchen und die gemütlichen Aufenthaltsräume. Doch es geht noch besser: Der Svinklov Camping in Hjordtal ist der König unter den dänischen Plätzen.

Hier lernen wir Lloyd aus England kennen. Er ist in Amsterdam gestartet und will auf dem Nordsee-Küstenradeweg bis nach Bergen. Wir kochen, essen und trinken zusammen ein Bierchen und verstehen uns prächtig. So gut, dass wir am nächsten Tag gleich gemeinsam weiterfahren. Katrin und Lloyd wagen sich sogar in die (eis-)kalten Fluten der Nordsee. Ich verzichte. Einer muss ja fotografieren…

Wenig später trennen sich dann unsere Wege in Blokhus auch schon wieder. Wir wollen nach Frederikshavn, um dort die Fähre nach Göteborg zu nehmen. Lloyd rollt weiter bis Skagen, den nördlichsten Punkt Dänemarks.
Die Strecke ab Blokhus gehört zur Kategorie „gerade-hässlich-verkehrsreich“ und wird an dieser Stelle ausdrücklich nicht empfohlen. Immerhin gibt es einen Radweg. Das war’s aber auch schon. Viele besser dafür der Campingplatz in Frederikshavn. Die Ausstattung ist fast besser als zu Hause und so nutzen wir die Gunst der Stunde und kochen uns ein fürstliches Menu.

So viel schöne Küste und tolle Radwege hatten wir in Dänemark gar nicht erwartet. Klar, Wind und Wetter waren auf unserer Seite. Aber wenn man diesen Abschnitt eben so erwischt wie wir, dann ist das eine wahre „Number One“. Drüben in Göteborg wird morgen unser Freund René eintrudeln. Wir sind schon gespannt, ob die schwedische Westküste in Richtung Süden mit der dänischen mithalten kann.