„Jö seid ihr denn däs ölles mitm Föhrröd gefoahrn? Das Deggendorf, das gehört jo zur erweiterten Oberpfalz. Ich bin ja aus Plauen, düs is sözusögen mein Äinzugsgebiet“, so Erich (Name v. D. Redaktion geändert). Er steht mit einem prall gepackten Rucksack und seinem Fahrrad an der Hand vor uns. Nur der Maschendrahtzaun des Campings Neuseenland Stüb’l oberhalb des Markkleeberger Sees südlich von Leipzig trennt uns. Erich macht auch gerne Ausflüge mit dem Rad – aber eher so ein bis zwei Tages Touren. Wir hingegen waren ja bereits eine ganze Woche unterwegs.

Begonnen hatte alles in Landau an der Isar. Der Zug in dem wir seit München mit Julian vereint sind, fährt zwar bis Deggendorf, aber um uns auf die Radtour einzustimmen, steigen wir aus und geben uns die 30 Kilometer sengende Hitze entlang der Isar bis zu unserem Ziel bei Freunden. Das Handy fast am Bahnsteig liegen gelassen und kein Wasser mehr – aber sonst legt Julian einen guten Start hin. Statt Pastaparty und Vino Rosso stärkt uns Wurstsalat und lieblicher Rosé.

Deggendorf – Fuhrt im Wald
Ob er aber über …. Oder aber überhaupt net kommt, des is nicht gewiss.“ Der Nachbar meint, die B11 durchs Fichtental sei noch gesperrt, aber mit dem Fahrrad könne man die Baustelle auf einem Forstweg umfahren. Recht sollte er haben, der Einheimische. Dementsprechend ruhig folgen wir dem Radweg an der sonst sicher sehr stark befahrenen Bundesstraße. Der empfohlene Forstweg verläuft malerisch und die Kühle des Bayerischen Waldes tut gut. Wie immer merken wir schnell: die Mittelgebirge sind nicht zu unterschätzen. Die Oberschenkel werden vor Viechtach auf eine erste Belastungsprobe gestellt. Debreziner, Wienerle, Puten-Cordonbleu und Krautsalat aus der seit 1972 ortsansässigen Qualitätsmetzgerei füllen die Energiespeicher wieder, können aber am Brennen der Oberschenkel auch nicht viel ändern. Entlang der stillgelegte Bahnlinie zwischen Viechtach und Kötzting flitzen wir dann viel leichter dahin und starker Rückenwind trägt uns durch die Hügel bei Arnschwang. Der Campingplatz in Furth im Wald liegt unweit des Zentrums in der Ebene und bietet uns eine angenehme Nacht.

Furth im Wald – Domazlice – Horsovsky Tyn – Stribro – Pohona Flusscamping
Wunderbar angelegt der Radweg ist der Radweg nach Domalzlice. Er schlängelt sich mit dem Namen „Eurovelo 13“ durch den Zauber-Bayer-Böhmer-Wald.

Domazlice ist im typischen Stil der Thermenorte liebevoll restauriert und die Hauptstraße mit Cafés und Restaurants gesäumt.

Ein paar Kilometer hinter der Stadt – nach einem giftigen Anstieg – holt uns der Hungerast vom Rad. Beim Friedhof eines kleinen Dorfes plündern wir unsere Vorräte. Ab Horsovsky Tyn schlagen wir die Nord-Richtung ein und begeben uns so weg vom Touristenpfad und richtig hinein in das ländliche Tschechien.

1000 Höhenmeter waren es gestern, und auch heute kommen wir letztlich auf die selbe Höhe. Ständig geht es entweder hinauf oder hinunter – dazwischen scheint es nichts zu geben. Im wahrsten Sinne des Wortes. In den Dörfern scheinen fast nur noch die Alten zurückgelassen worden zu sein – an ihnen bröckelt das Leben ab wie der Putz an den Häusern. „Idyllisch“ könnte man sagen – oder auch „ärmlich“. Wenn gerade nicht durch einen Wald, dann verläuft die Strecke durch Getreidefelder so weit das Auge reicht. „Malerisch“, könnte man sagen. Oder auch: „Eintönig“ – wie Julian meint. Zum Radfahren ist dieses ganze Nichts einerseits ideal. Kaum ein Auto stört uns beim Kurbeln. Andererseits gibt es auch nichts einzukaufen – das heißt, kein Kaffeestopp im Stundentakt, und keine Möglichkeit, unsinnige Kalorien aufzuladen. Wir freuen uns, dass wir in Stribro auf einen geöffneten Minimarkt stoßen. Betrieben wie eigentlich alle diese Märkte von einem Vietnamesen. Es soll hier einen Campingplatz geben, eindeutig steht das blaue Dreieck dafür in der Karte, also decken wir uns mit kalten Getränken ein und sind in Gedanken schon beim Abendessen im böhmischen Knödelschuppen. Doch weit gefehlt: ein verlassenes Terrain deutet noch auf bessere Zeiten hin – hier war wohl mal ein Campingplatz, die traurigen Hüttchen starren verschlossen in die Kreismitte. Der Nachbarsköter und die grimmigen Blicke der Hundebesitzer treiben uns davon.

Also wieder die Hügel hinauf und zu einem Auto-Kemp acht Kilometer weiter. Steil geht es hinunter zum Fluss Mze, aber die noch sehr sozialistisch anmutenden Rekreationscenter sind nicht auf Zelte eingestellt. Urlaub bedeutet hier eine Hütte im Wald mit Feuerholz und Grillstelle. Wie eine gemütliche Hexenhäuschensiedlung sieht das Ganze aus. Nach einer kleinen Odysee landen wir letztlich am richtigen Pohona-Kemp und kommen für insgesamt 15 Euro unter.

Der Fluss ist sehr schlammig und ziemlich leer – so wie wir. Es hat hier etwa zwei Monate nicht geregnet. Daher ziehen wir eine Dusche dem Bad vor – Glück, dass noch kein Sonnenuntergang war, so haben Molle und Julian wenigstens noch heißes Wasser erwischt.

Ein paar holprige Minuten entlang der Feriensiedlung findet sich dann doch noch der Knödelschuppen. Oder sollte man ihn Bierschuppen nennen, denn das Dunkle vom Fass schmeckt wirklich sensationell. Angemachter Camenbert macht den Auftakt, dann Schnitzel für den Kleinen und Kartoffelknödel mit Fleischfüllung für die Erwachsenen. Das Ganze abgerundet mit Marmelade-Palatschinken und wie gesagt bespült mit Bier – für nicht mal 20 Euro. Das ist also d a s Tschechien.

Pohona Flusscamping – Pernarec – Unesov – Krsy – Ütery – Tepla
Tag drei der Tour – da sind sich alle einig: müde! Doch spätestens nach der 14%igen Steigung zurück hinauf auf die Straße sind alle Muskeln (sch) wach. Zum Radeln ist der heutige Abschnitt wunderbar. Es dauert zwar eine Weile bis klar ist, wie wir die Route durch die Prärie legen und auf dem GPS zeichnet sich auch eine leichte Zickzacklinie ab, aber aus Sicht eines Genussradlers gibt es nichts zu beanstanden: Fast autofreie Landsträßchen winden sich über die Hügel, steigunsmäßig immer knapp gerade noch nicht zu steil, lange Waldpassagen auf bestens präparierten Wegen dienen der Abwechslung.

Ansonsten gibt es nicht viel. Die wenigen Häuser, die ab und an neben der Strecke stehen blicken verloren oder gar verlassen drein – von Dörfern kann kaum die Rede sein. Von belebten Dörfern ganz zu schweigen. Der einzige, der hier noch bleibt ist der Landbesitzer mit Kornfeld und Mähdrescher. Wir treffen niemanden, mit dem man hätte sprechen können.
In Tepla-Stift steht wie der Name schon sagt ein berühmtes großes Kloster – eine Pfadfinderhorde entert es gerade, als wir passieren. Um unnötige Extrakilometer zu vermeiden, fahren wir direkt in den Hügelort hinauf – die zuckenden Muskeln verlangen nach … Pizza und Schnitzel. Die Kombination des Tages. Der obligatorische Camenbert hat nur eine sehr kurze Standzeit auf dem Tisch. Mit „Kofola“ kommen wir in den Genuss einer echt böhmischen Spezialität. Sieht aus wie Dunkelbier, ist aber Fassbrause. Gut.

Der Campingplatz liegt in der Ebene, das heißt unsere Rechnung ging auf. Gemütliches Einrollen zum Standplatz direkt am See – es gibt hier zwar nicht viel, aber alles, was den Tag perfekt macht: Ein großer Krug Dunkles vom Fass auf dem Steg am See bei Sonnenuntergang.

Tepla – Mnichov – Horny Slavkov – Loket – Karlovy Vary – Sadov
Streckenmäßig braucht es für heute keine ausführlichen Beschreibungen. Es geht so weiter wie die Tage zuvor: ruhige Straßen, viele Steigungen, geringe Besiedelung – perfekt zum Radtouren.
Ab Horny Slavkov ändert sich das Ganze. Das liegt nicht daran, dass wir uns mit mittelprächtigen böhmischen Spezialitäten wie „dickes Stück rote Bratwurst“ oder „Schwarzbrot mit Hühnchenfleisch in roter Soße“ den Magen vollhauen, sondern vor allem an der anschließenden acht Kilometer langen Abfahrt nach Loket, das malerisch über dem Fluss Ohre (Eger) thront. Als „Rothenburg Tschechiens“ eilt ihm ein sehenswerter Ruf voraus – aber außer mir will das niemand sehen.

Also drehe ich alleine eine kurze Runde und meinen Kaffeelöffel im Lavazza – aber das macht nicht so richtig Spaß. Meine Laune bei der Weiterfahrt hebt sich erst mit der Zeit durch die wunderschöne Strecke entlang des Flusses bis ins mondäne Karlsbad. Der krasse Gegensatz zu den letzten Tagen. Dicke Autos von (dicken) Leuten mit dicken Gelbeuteln stehen vor den Hotels. Die Kennzeichen reichen von Russland bis in die Schweiz. Ich frage mich, warum den reichen Leuten so etwas dann auch immer gefällt. An der öffentlichen Quelle steht eine Menschenschlange unter dem Wandelgang aus verschnörkeltem Metall. Jeder will sein neu erworbenes Porzellan- Schnabeltässchen mit Heilwasser füllen. Wenn man schließlich schon mal da ist. Die Stadt an sich ist von sehr viel Grün durchzogen – für ausgedehnte Spaziergänge von Kurenden und Kurschatten. Wir möchten eigentlich nur Geld abheben – doch das ist leichter gesagt, als getan. Wir versuchen es an mindestens sechs verschiedenen Automaten, doch ohne einen halsabschneiderischen Wechselkurs zu akzeptieren haben wir keine Chance. So ziehen wir unverrichteter Dinge von Dannen.

Der Campingplatz in Sadov akzeptiert auch Euro – zwanzig davon für eine Nacht für uns. Letztlich lassen wir uns auf den Deal ein. Lektion eins: Verkalkuliert mit Geldabheben und Einkaufen – auch das gehört zu einer Individualreise, muss Julian lernen. Mit dem Plan essen zu gehen steuern wir im Abendlicht noch das sieben Kilometer entfernte Ostrov an. Aber, Lektion zwei folgt sogleich: Sieben Kilometer sind nicht gleich sieben Kilometer. Heute Abend bedeutet das zwei Hügel hinauf und dann ziemlich weit hinab in die Ebene. Jeder Meter wird im Kopf bereits bereut, doch umdrehen ist keine Alternative. In Ostrov beschließen wir, lieber einzukaufen und bei Tageslicht zurück zu fahren. Die Straße ist doch eine recht schnell befahrene und in Dunkelheit sicher nicht ungefährlich. Zwanzig Minuten bleiben gerade noch, um die Menüideen im Penny auszuleben und gerade so schaffen wir es alles zu verstauen. Die Berge hinauf geht es leichter als vermutet, doch hinunter wohl wie von selbst, wie sich kurz vor dem letzten Berg zeigt: ein dicker Mountainbiker kommt entgegen gerast, quert in voller Fahrt die Straße, rauscht mir auf meiner Seite im unbefestigten Bereich entgegen und baut kurz vor mir einen kapitalen Sturz mitten hinein in die Fahrbahn. Wenige Meter vor mir wird er vom Teer gebremst und bleibt wie bewusstlos liegen. Allerdings war er zwar nicht bewusstlos aber doch nicht bei vollem Bewusstsein. Als ich es mit der Androhung „Ambulanz!“ schaffe, dass er aufsteht, damit ich ihn von der Straße wegbringe rieche ich schon, dass er im wahrsten Sinne „sturzbetrunken“ ist. Die Fart-Gun ist eingeschalten, die Fahne schwenkt voraus und von alleine Stehen kann keine Rede sein. Doch „dobr, dobr,…“, ja klar, es geht ihm gut. Abgesehen vom Schock, dem völlig aufgeschürften oder gar gebrochenen Arm, dem Jochbeinbruch und der zerdepperten Brille. Klar, er hätte ja auch tot sein können. So gesehen. Alles gut. Vor allem für uns, da sich ein anderer – nicht ganz sturz- aber doch besoffener Tscheche von seinem Fahrrad runter winken lässt und sich des Falls annimmt. Wir suchen das Weite und sind froh, als wir zwei Kilometer weiter in den sicheren Hafen des Campingplatzes einbiegen – denn so etwas vielleicht noch hinterm Steuer… von wegen „dobro“!

Sadov – Horni Blatna – Johanngeorgenstadt – Bahnhof Breitenbrunn
Zum ersten Mal auf dieser Tour gibt es die Höhenmeter mal am Stück serviert. 650 davon geht es hinauf ins Erzgebirge. Wieder radeltechnisch äußerst reizvoll die Streckenführung.

Die tschechische Seite von Johanngeorgenstadt gleicht einem Straßenzug in Südostasien. Die typischen Häuser des Gebirgsortes sind kaum mehr zu erkennen, alles wurde in einen Bazar a la Kaosan-Road umgewandelt. Vor den Ständen und in den dunklen Martkhallen sitzen Vietnamesen. Unschwer zu erkennen am spitzen Strohhut. Wir brauchen eine Weile um die Szenerie zu fassen, so unglaublich skurril ist sie. Busladungen von Deutschen werden hier her gekarrt, um chinesische Erzgebirgsspitzendeckchen beim Vietnamesen – von den Sachsen übrigens „Fidschi“ genannt – billig zu kaufen. „Hölt döine Dasche fest!“, warnt ein beleibter Sachsenrenter seine Frau, die auf einer Holzbank etwas Erholung vom Kaufrausch sucht. Ja klar, sie sind im Ausland – und dem Augenschein nach wohl ziemlich weit weg von zu Hause. Da kann man nicht vorsichtig genug sein, in diesem Asien!

Für uns heißt die Rückkehr nach Deutschland auch gleich wieder mehr Autos. Mehr und mehr und mehr werden sie, so dass wir uns entschließen, die Tschechien-Radtour am kleinen Bahnhof von Breitenbrunn zu beenden.

Mit dem Sachsenticket bummeln wir gemütlich über Zwickau in den Süden Leizpigs und zum Ausklang geht es auf den Camping „Neuseenland“ am Markkleeberger See.

Aus den ehemaligen Braunkohleförderlöchern ist ein richtig tolles Naherholungsgebiet geworden. Ich genieße noch ein Bad im See und im Anschluss Thüringer im Brötchen aus der Campingpfanne als Vorspeise. Die Hauptspeise folgt sogleich – sowohl vom Abendessen als auch vom Sommerurlaub 2017.

 

Erich hat nun genug erfahren. Es ist klar, er braucht ein neues Fahrrad – auf Radtouren kann man einfach viel erleben. Er zieht davon, wir überholen ihn kurz später, er schiebt sein Rad in Richtung Stadt. Wir möchten nicht tauschen.

Nach einem Stopp bei den Bagel-Brothers bringen wir Julian zum Hauptbahnhof Leipzig und setzen ihn in den richtigen Intercity nach München.

Der Rest des Tages gehört uns. Wir haben viel vor – doch das einzige, was wir von unserem „Plan“ schaffen ist Wäschewaschen im Apartment „Pop Art“, in das wir uns eingebuchtet haben. Im Altbau ganz wie normale Bewohner sitzen wir trotzdem am späten Abend zufrieden auf dem Balkon. Wir haben eine große Runde durch die sommerliche Stadt gedreht, im Biergarten Felsenkeller herumgehangen, die Krypto-Party gegen ein Dunkelbier im „nato“ ausgespielt und uns vom Flair der Stadt anstecken lassen. Hierher müssen wir sowieso zurückkommen. Doch jetzt geht es erst mal nach Norden.