„Die Tempelputzer“ oder die „Menschen, die den Tempel putzen“ (k)
Karkala – die zweitgrößte aus einem Monolithen gehauene Jain-Statue trohnt auf einem Hügel am Rande der Stadt. Beim Betreten des Tempelbereichs hören wir „Hello“-Rufe und Freudenschreie. Die Begrüßung gilt uns, die Stimmen kommen vom eingerüsteten Teil des Tempels.

Tempelputzer sind am Werk. Mit Zahnbürsten, Bürsten, Sand und Wasser versuchen sie die Patina von den Steinen zu lösen.

Neun Stunden am Tag. Eingepackt in Tücher, und dreckige Arbeitsklamotten. Oh, etwas Besonderes, triggert mein Reisefotografenhirn. Ablichten, zeigen, unter welchen Umständen die Menschen hier arbeiten. Die junge Frau mit der Zahnbürste hält inne und posiert, als ich sie fotografiere. Ich fordere sie auf, weiter zu putzen. Ich mag keine gestellten Fotos. Schließlich will ich doch die Realität zeigen! Das Bild gefällt ihr nicht. Ich mache noch eines, auf dem sie nicht schrubbt.

Am nächsten Tag gehen wir nochmal zum Tempel. Wir haben die Fotos drucken lassen und verteilen sie an die Tempelputzer. Dann kommt die Frage „Porträt?“ – sie alle möchten unbedingt fotografiert werden. Die Männer klettern vom Gerüst, die Frauen eilen herbei. Wir suchen uns einen Platz in der Sonne. Wie Raupen, die zum Schmetterling werden schälen sich die Frauen aus ihren schmuddeligen Hüllen und stehen in farbenfrohen Saris vor uns.

Zu zweit, allein, mit Kind, bitte noch eins! Alle kommen dran. Alle schauen ernst, cool, posieren.

Zwischendurch erwische ich sie unbeobachtet und kann ein Lachen und Unbeschwertheit einfangen.

Ich mache mir Gedanken. Das, was wir fotografieren wollen und für die Realität halten, ist nicht die Realität, die die Menschen fühlen, welche wir fotografieren. Es geht um Würde. Ein dreckiges Arbeitsfoto ist nicht würdevoll. Als Menschen gesehen werden, nicht als Arbeiter, schön und würdevoll abgelichtet zu werden, das sollte eigentlich selbstverständlich sein. Am nächsten Tag verteilen wir stapelweise würdevolle Fotos, die ein Lächeln auf die Gesichter zeichnen. Die Fotos mit den lachenden Gesichtern der „Menschen, die den Tempel putzen“, behalten wir nur für uns.